Datenight im Flixbus - Kurztrip nach Kurdistan

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Oliigel

Erfahrenes Mitglied
02.03.2019
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Teil 1:

"Mit wem hast du denn noch ein Date?!" wurde ich von einem Bekannten am Stadioneingang gefragt. Mist, man sieht den Kragen meines Standard-Reise-Baumwoll-Leinen-Hemdes unter der Jacke. Nachdem ich die Frage mit "Ich flieg später in den Irak" beantwortet hatte, wurde ich nur noch komischer angeschaut...

Freitag, 13.02.26 - Max-Morlock-Stadion, Nürnberg: FCN vs. Karlsruher SC - Endstand 5:1.

So kann eine Reise doch beginnen. Nach Spielende ging es schnell zum Auto, wo ich dann noch von Jeans auf Wander-Zip-Hose wechselte und ich fuhr zum bewährten Parkplatz in der Nähe des ZOBs, an dem man problemlos mehrere Tage umsonst parken kann.

Pünktlich um 21:55 fuhr der Flixbus N61 vor, der mich und meinen Rucksack um 04:30 in Düsseldorf ankommen ließ. Weiter ging es mit der S-Bahn zum Flughafen und mit dem Airtrain zu Terminal C, welches brechend voll war - die Winterferien begannen. Vor allem auch viele Niederländer wollten dem tristen Winter in der Heimat entfliehen, es gab im 5-Minuten-Takt Flüge in die Türkei oder nach Ägypten.
Eurowings wollte mir für Kurdistan keine Bordkarte ohne Dokumentencheck ausstellen und ich musste mich in die Reihen der zwei Schalter anstellen, die nur für Erbil offen waren. Was auffiel: Ich war der einzige, der nur mit Handgepäck reiste. Was noch auffiel: Scheinbar auch der einzige Tourist - im weiteren Teil dazu mehr.
Nachdem ich ca. 30 min warten musste war ich schnell abgearbeitet, hatte ich doch mein E-Visa im Vorfeld brav ausgedruckt und ich konnte nach 15 minütiger Wanderung von Terminal C nach A dank Amex Platinum die LH-Lounge betreten, welche karnevalistisch geschmückt war. Hier gab es für mich Rührei mit Speck, Krapfen und einen Avionic Tonic Zero - auch wenn mir der Condorpolitan besser schmeckt ;)
Kurz nach acht machte ich mich wieder auf Wanderschaft zu meinem Gate in Terminal C, wo ich als einer der letzten aufschlug. Wir warteten jedoch noch einige Minuten auf einige Passagiere im Bus, der mich zum A319 von Eurowings brachte. Kurios wurde es beim Bording. Nachdem ich einer Mutter mit Baby im Kinderwagen und zwei Kleinkindern an der Hand beim Ausstieg aus dem Bus half, riss sich der Kleinere von beiden von ihr los und lief auf das Absperrband am Triebwerk zu, wo er kurz vorher von einem Flughafenmitarbeiter gestoppt wurde. Die Mutter sagte ihm daraufhin etwas auf (vermutlich) kurdisch/arabisch und er lief zu mir und streckte seine Arme aus - ich sollte ihn die Treppe hochtragen, was ich anschließend auch machte :p
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Der Flug verlief so weit ruhig, ich gönnte mir einen Kaffee für schmale 4,90€ und vertrieb mir sonst die Zeit mit "Darjeeling Limited" auf Netflix, der "Zeit Wissen" aus der Lounge - was für ein Schrottmagazin - und hin und wieder wegdösen. Durch meinen Sitzplatz in Reihe 5 konnte ich bei Ankunft in Erbil als einer der ersten aus dem Flugzeug raus und lief über ein Fingergate zur Passkontrolle, welche super schnell erledigt war. Anschließend tauschte ich zu schlechten Kurs meine letzten 40 USD, um mit einem Careem Taxi in die Stadt zu kommen.
Kleiner Exkurs zum Thema Geldwechsel: Der offizielle Kurs ist 1€ zu 1500 IQD, wenn man bar wechselt bekommt man jedoch 1800 IQD, was mich dazu veranlasste, Euro-Bargeld mitzunehmen. Einen wirklichen Grund dafür habe ich nicht gefunden, da nicht etwa wie in Kubas wirklich alles in IQD bezahlt wird. Keine Ahnung, was die mit Euro und USD-Noten wollen.
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Der Flughafen Erbil ist anders als anderswo: Bis auf wenige Ausnahmen darf nur ein Shuttlebus zum Abflug-/Ankunftsterminal fahren, dieser lässt einen ca. 1km weiter an einem Meet&Greet-Terminal raus, von wo aus man in die Stadt kommt. Da ich schon vorher wusste, dass die Taxis dort 25USD in die Stadt verlangen, ignorierte ich die Angebote der Fahrer und verließ zu Fuß das Flughafengelände, wo ich mir ca. 15min später ein Careem für umgerechnet 3€ bestellen konnte. Eine gute Stunde nach Landung checkte ich letztlich im Sinaia Palace Hotel ein, welches mit inkludierten Frühstück 20€ pro Nacht kostete. Rucksack schnell ins Zimmer geworfen und mit einem anderen Careem ab in die Innenstadt, ich bin in Kurdistan, Alter!

Am Bazaar unterhalb der Zitadelle war geschäftiges Treiben und viel los, was mich dazu veranlasste, mit meinen Wertsachen erst Mal vorsichtig zu sein und ich holte mein Handy nur zum Essen raus - Es gab als Spätnachmittagssnack für schmale 1000 IQD ein Stück Trilece, einen Milchkuchen.


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Ich wollte mehr Geld wechseln und es wurde zum zweiten Mal skurril aber auch unglaublich gastfreundlich: An der Zitadelle und im Basar gibt es keine Wechselstuben, sondern nur mobile Stände, welche auf den ersten Blick nicht sehr vertrauenswürdig aussahen. Ich ging zu einer Gruppe von Polizisten um sie zu fragen, ob das Geld wechseln hier legitim sei oder ob ich gescamt werden würde. Daraufhin liefen ungefragt zwei der Polizisten mit mir zu einem Stand und wechselten mit mir Geld, was sie sogar selbst nochmal nachzählten (y)
Nach einem etwas ziellosen spazierens meldete sich gegen 19 Uhr dann der Hunger zu etwas richtigen. Auf Tiktok hatte ich von der Iskan Street gehört, was wohl die Fressmeile in Erbil sei und mir wurde nicht zu wenig versprochen. Auf einer Länge von 500m reihen sich Tee- und Essensständ nahtlos aneinander. An einem gut besuchten kleinen Restaurant beobachtete ich kurz das Geschehen, ehe ich auf Englisch mein Glück versuchte, aus "chicken shawarma" wurde dann schließlich folgendes Gericht für 5000 IQD, zu dem es auch noch eine Flasche Wasser, einen Salat, kräftige Brühe und unglaublich leckeres Brot gab.


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Nach einem Chai für 500 IQD und einer Taxifahrt zurück zum Hotel ging es dann früh ins Bett, hatte ich doch die Nacht vorher im Flixbus verbracht und die Tage zuvor waren auch relativ stressig. Außerdem wollte mich mein Guide am nächsten Tag um 08:30 abholen und ich vorher etwas frühstücken.
 
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Wolke7

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30.08.2010
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Wow, cooler Trip :love:. Ich bin richtig gespannt auf Deine Erfahrungen und steige gern zu.
 
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Devilfish90

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13.12.2016
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Bin gespannt wie der Unterschied zu Bagdad ist. War dort vor paar Monaten, war mega 🥰.

Ist dort der Tee auch halb/halb und damit Assozial süß?

P.s. Scheiß FCN 😜
 

FM77

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09.12.2022
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Das Ziel hatte ich bisher nicht auf dem Radar.

Bist Du mit einem E-Visum eingereist?
 

Oliigel

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02.03.2019
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Ist dort der Tee auch halb/halb und damit Assozial süß?

P.s. Scheiß FCN 😜

Sind das Grüße aus dem Tabellenkeller? :unsure:

Wurde meistens gefragt, ob ich Zucker rein will oder mir wurde er extra hingestellt zum selber reinmachen.

Bist Du mit einem E-Visum eingereist?

Jap, hab das Visum Mitte Januar beantragt und innerhalb einer Stunde bestätigt bekommen.

Bericht geht hoffentlich am Montag weiter.
 
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Devilfish90

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13.12.2016
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Sind das Grüße aus dem Tabellenkeller? :unsure:

Wurde meistens gefragt, ob ich Zucker rein will oder mir wurde er extra hingestellt zum selber reinmachen.



Jap, hab das Visum Mitte Januar beantragt und innerhalb einer Stunde bestätigt bekommen.

Bericht geht hoffentlich am Montag weiter.
In Bagdad war der Zucker bereits zu 99% im Tee (wenn man ihn nicht wollte, durfte man nicht umrühren 😂).

Hoffe wenigstens, dass du auch ein Fußballspiel vor Ort mitnehmen konntest und diesen LP abhaken konntest

Und nein, bin kein Fürther ;)
 

Oliigel

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02.03.2019
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Teil 2: "We have no friends, but the mountains"

Bereits gegen 06:00 Uhr wurde ich zum ersten Mal wach und machte ein Foto von meinen Zimmerausblick.

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Mangels vorhandener Hostels in Kurdistand wurde es dieses Mal ein Einzelzimmer, was aber eben auch seine Vorteile hat. Ich konnte mich nochmal hinlegen und stand letztlich gegen 7 Uhr auf und erkundete das Frühstücksbuffet., von dem ich leider keine Fotos machte. Es gab: Kräftige Brühe, in die die Gäste eine Art Chips tunkten, verschiedene Obstsorten und einen Nudelauflauf, der an Mac`n`Cheese erinnerte und einfaches Weissbrot mit Schokocreme oder Marmelade. Kaffee gab es keinen, aber Tee zum selbst zapfen. Alles mit Einweggeschirr und -besteck und irgendwie sowohl von der Auswahl als auch geschmacklich alles sehr gewöhnungsbedürftig, weswegen ich mich mit einer Banane, einer Orange und einen halben labbrigen Brötchen mit irakischer Nutella zufrieden gab.

Um 08:30 wurde ich von meinem Guide abgeholt. Ich hatte bereits im Voraus auf Instagram einen Anbieter gefunden, der eine Tagestour mit den Naturhighlights nördlich von Erbil anbietet. Relativ zügig konnten wir die Rushhour in Erbil hinter uns lassen und hielten an einer Tankstelle. Der Liter Benzin kostete während meiner Reise zwischen 750 und 850 IQD. Hier gab es auch sehr guten, aber mit 2500 IQD verhältnismäßig auch teuren Cappuccino. Weiter ging es über eine gut ausgebaute Autobahn mit vielen Blitzersäulen und modernen Tunneln zu unserem ersten Stop, den Gali Ali Beg Wasserfall. Dieser befindet sich auch auf einer IQD-Note und war auch gut gefüllt, da es in den Wochen zuvor mehr als sonst geschneit hat. Ich erwischte quasi das erste schneefreie Wochenende in Kurdistan und hatte dann gleich 18 Grad und Sonnenschein, perfekt! An einem Checkpoint, wo kurz der Reisepass gecheckt wurde, war sogar der Felsen bemalt.

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Die Hamiltonroad, wie die Straße auch gennant wird, wurde zwischen 1928 und 1921 vom neuseeländischen Ingenieur Hamilton gebaut und ist ein wichtiger Verkehrsweg vom Irak in den Iran. Es war zwar nicht besonders viel los, aber der Verkehr bestand trotzdem hauptsächlich aus großen LKWs, die sich die Serpentinen nach oben und unten kämpften. Schließlich kamen wir beim Rwanduz Canyon an, welcher im Tal auch bewandert werden kann und was wir auch taten. Hier hat man eine coole Sicht auf Rwanduz und die Häuser, die man vom Aussichtspunkt sieht, gehören zu einem Großteil reichen Ausländern.

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Weiter ging es über coole Brücken, einem weiteren Wasserfall und einem Bienenstock zu einer Teepause - leider habe ich keine Ahnung mehr, in welchem Ort. Hier kostet der Tee nur noch 250 IQD.

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Mittlerweile war es früher Nachmittag und wir fuhren dem Korek Mountain entgegen, dem Skigebiet in Kurdistan. Der Berg ist 2127m hoch und neben dem 3607m hohen Halgurd der bekannteste im Irak. Der Halgurd kann nur mit einer Tagestour bestiegen werden, empfohlen werden jedoch zwei Tage. Mit den Besteigungen dieses Berges verdient mein Guide in den Sommermonaten ein Großteil seines Einkommens. Dieser wird qasi nur von Europäern oder Amerikanern besucht, während sich am Korek Mountan eher locals, Irakis oder Saudis finden. Ich lernte in der Warteschlange für die Seilbahn, welche mit 4km Länge zu den längsten im nahen Osten zählt, ein Pärchen aus Griechenland kennen, welche in zwei Wochen den ganzen Irak bereisen, aber auch erst am Tag zuvor mit A3 aus Athen kamen. Die Schlange war ca 20min lang und ich lernte, dass es auch in Seilbahnen eine Businessclass mit Ledersesseln und einer Wasserflasche gibt.

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Der Gipfel selbst bietet mit einem Luxushotel im Alpenstil und seinen Blockhütten europäisches Feeling. Da ich das Wochenende zuvor jedoch am Wilden Kaiser war, bot er bis auf die Schaukel und die angebotenen Aktivitäten wenig überraschendes. Die Berg- und Talfahrt kostete 10.000 IQD. Ich hatte allerdings den Eindruck, dass manche Besucher zum ersten Mal im Leben Schnee sahen, was auch mein Guide bestätigte. Fußball gespielt wird übrigens überall, auch neben der Talstation auf 1100m.
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Auf dem Weg zum Bekhal Wasserfall hielt mein Guide bei einer Moschee um zu beten, ich holte uns ein bisschen Obst und machte ein Foto von der Hauptstraße im Ort. Der Bekhal Wasserfall ist der bekannteste hier und auch touristisch sehr gut ausgebaut. Unterhalb befindet sich ein kleiner Basar, auf dem Souvenirs und Essen angeboten wird. Witzigerweise gab es hier auch drei Parfum-Geschäfte. Man muss jedoch aufpassen, wohin man steigt, da der Platz vor dem Wasserfall wegen der Schneeschmelze leicht überflutet war und die Sandsäcke nicht mehr hielten.

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Es wurde langsam Zeit zurück zu fahren und wir hielten an einem letzten Aussichtspunkt in den Canyon, bevor es nach Shaqlawa ging, der größten Stadt in den Bergen, wo es einen kleinen Basar und viele Teehäuser gibt. Dort tranken wir auch weder einen und bemerkten, wie es am Nachmittag langsam voll wurde - Warum auch immer habe ich dort keine Fotos gemacht.

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Auf dem Weg zurück hielten wir am Khanzad Castle direkt an der Autobahn, einer gut erhaltener Festung aus dem 16. Jahrhundert. Die OSmanen hatten die Oberherrschaft, gebaut und belebt wurde sie jedoch von einem kurdischen Fürsten. Wir kamen perfekt zum Sonnenuntergang.

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Am Stadtrand von Erbil kamen wir schließlich am größten US-Konsulat vorbei, welches erst Anfang Dezember eröffnete. Anhalten ist aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt und ich konnte nur ein schnelles Foto während der Fahrt schießen. https://www.youtube.com/watch?v=XLhLFTgUwpA

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Gemeinsam mit meinen Guide ging es noch in ein kurdisch eingerichtetes und großes Restaurant, in dem wir sehr gut aßen. Leider bestellte mein Guide alles, weswegen es wieder Hähnchen mit Reis wurde, allerdings etwas hochwertiger als am Tag zuvor. Ausserdem gabs heute zwei Suppen vorher ;)

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Gegen 19 Uhr wurde ich wieder an meinem Hotel abgeliefert. Die Tour kostete mich 150 USD, was vielleicht auf den ersten Blick etwas teuer erscheint. Allerdings waren wir letztlich 10h unterwegs, die Seilbahnfahrt, Essen und Getränke waren inkludiert und ich hatte meinen Guide für mich. Ich hatte noch zwei andere angefragt, diese wollten ebenfalls 140-170 USD.

Zurück zum Motto des Tages: Die Kurden gelten als Bergvolk, waren sie doch schon immer im Zagros- und Sinjar-Gebirge zu Hause. Während des osmanischen und persischen Reiches boten ihnen die Berge Schutz und Sicherheit. Externe Unterstützung gab es kaum. Wie ich später während der Reise noch erfahren sollte gibt es an der türkischen Grenze wohl ein Tal, die von einem Ableger der PKK, einer Guerillaeinheit, kontrolliert wird. Dies sei Sperrgebiet und nichtmal "normale" Kurden dürfen dieses besuchen, ausser um sich diesen anzuschließen. "No friends but the mountains" bekam ich noch öfters zu lesen und zu hören.

Im Hotel angekommen war ich etwas planlos, was ich mit dem Abend anstellen sollte. In den Couchsurfing-Hangouts herrschte tote Hose, hungrig war ich auch nichtmehr. Gleichzeitig wollte ich am nächsten Tag wieder früh aufbrechen, weswegen ein Besuch des berühmten HERA-Clubs auch irgendwie keine Option war, weswegen ich mich schließlich für ein Hamam in der Iskan Street entschied, was laut Rezensionen praktisch nur von locals benutzt wird und ich packte Schlappen, ein Handtuch und frische Kleidung in eine Plastiktüte und zog los. Der Eintritt kostete mich 6000 IQD, das "abrubbeln" nochmals 5000 IQD und Schlappen bekam ich gestellt. Froh war ich über das heiße Dampfbad, da mich schon seit dem Flixbus ein leichter Schnupfen nervte - was sich draus noch entwickelte gibt es im letzten Teil. Das Badehaus konnte mit der berühmten "Kalm Saun" in Tallin oder dem "Arasan Banya" in Almaty zwar nicht mithalten, war aber trotzdem ganz cool, weil es relativ voll war und mir die Leute mit Händen und Füßen alles erklärten. Unhygienisch war nur dass jeder die Unterhose trug, mit der er kam und sich erst danach umzog. Für den schmalen Taler trotzdem ganz in Ordnung.

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Bevor ich mir ein Careem bestellte, wollte ich in einem relativ bekannten Baklava-Geschäft noch ein kleines Dessert zu mir nehmen und es wurde etwas unangenehm. Ohne die Preise zu kennen wurde ich von einem Kellner zu einem Platz gebracht und bekam die Speisekarte. Ich rechnete zwar damit, dass alles etwas teurer sein würde als am Straßenimbiss, die günstigste Baklavavariation kostete jedoch 9000 IQD. Für deutsche Verhältnisse zwar immer noch ein Traum, allerdings hatte ich nur noch einen 10.000IQD Schein einstecken und musste mit dem Taxi für 3000-4000 IQD noch nach Hause kommen. So bestellte ich mir nur einen Milchkuchen, welcher aber wenistens sehr lecker war.

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Zurück im Hotel befüllte ich meinen Geldbeutel, packte meinen Rucksack (fast) abreisebereit und befasste mich damit, wie ich zu meinen morgigen Ziel kommen würde.
 

Oliigel

Erfahrenes Mitglied
02.03.2019
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Wie bist du auf die Idee gekommen, in den Irak zu reisen?

Interessante Frage, ich versuch sie pragmatisch zu beantworten: Ich hab was für ein verlängertes Wochenende gesucht, wo es im Februar nicht kälter als in Deutschland ist. Erreichbar mit LCC. Europa hab ich durch, im Pegasus-Netzwerk waren noch “Exoten” wie Kuwait und Bahrain möglich, erschienen mir aber zu langweilig. Mit Reisewarnungen des AA kann ich leben, meine Eltern aber nicht. Fällt Karachi und Libanon auch weg (Pakistan für 5 Tage wäre eh Quatsch gewesen). Saudi-Arabien muss ich auch nicht hin. Im September wurde dann die EW-Verbindung nach Erbil ab NUE angekündigt, ein paar Youtube-Videos später und Gesprächen mit Kurden in der Arbeit und im Sportverein war die Sache für mich klar und ich hab mich auch nicht mehr davon abbringen lassen, als meine ursprüngliche Buchung NUE-EBL storniert und jetzt erst ab März angeboten wird.
Übrigens sage ich immer, dass ich in Kurdistan war. Ausser der Währung und dem Reisepass hat die autonome Region Kurdistan nichts mit dem Irak gemeinsam.

Mit dem Bericht gehts vermutlich am Freitag weiter :)
 

globetrotter11

Erfahrenes Mitglied
07.10.2015
17.208
14.639
CPT / DTM
Bist Du noch dort?

Wie ist die Lage?

Müssen wir uns Sorgen machen?

Am Flughafen Erbil im Nordirak sind am Sonntagabend (1. März) mehrere Explosionen gemeldet worden. Nach Angaben vor Ort versuchte die Luftabwehr, anfliegende Drohnen oder Raketen abzufangen. In der Umgebung des Flughafens brach anschließend ein Feuer aus, wie die Nachrichtenagentur Anadolu berichtet.

 

Oliigel

Erfahrenes Mitglied
02.03.2019
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Wenn auch leicht verspätet.... Es geht weiter!

Tag 3: Auf nach Suleymaniah!

Wieder früh klingelte mein Wecker. Immerhin war mir schon vorher klar, dass dieser Trip nicht zum Entspannen gedacht war. Nachdem mich das Frühstück eh nicht vom Hocker haute, bleib ich dieses Mal bei einer Banane und einigen Tee`s, ehe ich mir ein Careem zur "Baghdad Garage" bestellte. Diese "Garagen", die es in jeder irakischen Stadt gibt, sind eigentlich die zentralen Taxibahnhöfe. Nachdem mein rechtes Nasenloch nun relativ zu war und ich auch wieder ein leichtes "Knacken" im Ohr spürte - wie schon bei der Landung am Samstag und was sonst nur selten vorkommt - ließ ich mich ein paar Hundert Meter vor der Garage absetzen und ging in eine Apotheke, um mir zumindest Mal ein Nasenspray zu holen.

Ich finde solche "selbstorganisierten" Verkehrsknotenpunkte im Ausland meist stressig doch sollte hier eines Besseren belehrt werden: Angekommen ging ich durch eine Schranke, wo ich gleich von zwei älteren Herren etwas gefragt wurde. Natürlich in für mich unverständlichen kurdisch. Ich antwortete "Suleymaniah" in der Hoffnung, dass sie mich nach meinem Ziel fragten. Nach einigen verdutzten Sekunden begannen beide zu Lachen, mir wurde Tee angeboten und auch die Abfahrtsstelle für die Taxen nach Suleymaniah. Es gab sechs Abfahrtssteige, die von der Größe her eher für Reisebusse gedacht sind, nun quetschten sich an jedem aber fünf bis acht Taxen. Der Preis war fix und mit 22k IQD sehr fair, immerhin ist Suleymaniah gute 200km entfernt. Maps sagte 3h und wir tuckerten los, der Mittelsitz hinten bleib frei. Der Fahrer und auch sein Beifahrer schienen sich zu kennen und beachteten mich nicht weiter. Neben mir saß eine junge Frau, Mitte 20, die sehr gut englisch sprach und ich hätte mich gerne mit ihr unterhalten, merkte allerdings schon relativ schnell, dass sie kein Interesse an Konversation hat - Ist mir hier auch noch nicht passiert.

Als wir ins Gouvernement as-Sulaimaniyya fuhren, wurden von allen die Ausweise an einem Checkpoint gecheckt und ich musste als Einziger aussteigen und bekam meinen Reisepass gleich darauf an einem Schalter wieder. Vermutlich wurde einfach etwas im System gecheckt. Kurz darauf hielten wir an einer Art Raststätte mit Moschee, es gab Tee, eine tolle Aussicht und eine süße Katze. Nachdem ich vor kurzem eine DJI Actioncam geschenkt bekam und auf Instagram aktiver werden wollte, nahm ich also ein Video auf und lud zu meinen ersten Q&A ein.

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Gegen 11:30 kamen wir in Suleymaniah an, wurden allerdings nicht in der dortigen Garage, sondern einen guten Kilometer vorher an der Schnellstraße in der Nähe des Flughafens rausgelassen. Ich fragte die Dame, wieviel ein Taxi in die Innenstadt kosten dürfe und sie sagte "I will go to city center too, not more than 8000". Mit diesen Worten stieg sie dann in eines der Taxen, die bereits auf die ankommenden Gäste warteten. "Miss No-Convo" hätte sich die 8000 sparen können, wenn wir zu zweit gefahren werden, aber na gut... Natürlich wollte mein Taxifahrer dann 10k von mir haben, aber wegen etwas über einen Euro bei einer Strecke von 20km wollte ich dann auch nicht anfangen zu verhandeln. Der Verkehr war hier deutlich voller als in Erbil und wir benötigten nochmal rund 45min, bis ich schließlich bei Amna Suraka, dem "red prison" ankam.

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Hier war nichts los und auch von außen merkte man nicht, dass es sich um ein wichtiges Museum handelte, es wirkte eher wie eine kleine Militäranlage. Ich wollte mich eigentlich mit einer lokalen Studentin von Couchsurfing treffen, diese schrieb mir aber, dass sie sich verspätete und ich einfach schon mal rein gehen sollte. Gleichzeitig mit mir wollte ein europäisch sehender junger Mann mit seinen lokalen Begleiter das Gelände betreten, welchen ich dann auch ansprach. Berliner, 18 Jahre alt, macht hier im Irak zwei Wochen Urlaub und schläft gerade bei Studenten in Suleymaniah. Stabiler Typ, meinen ersten Solotrip machte ich mich 21 und sch*** mich fast ein, als ich nach Ankunft am BUD nachts noch in die Innenstadt musste. Ich hätte mich gerne länger mit ihm unterhalten, allerdings kam letztlich doch meine Begleitung und sie zeigte mir das zweigeteilte Museum, wirkte aber etwas gehetzt, da sie danach noch einen Uni-Termin hatte. Zunächst geht es im Peshmerga-Museum um die Geschichte der kurdischen Kämpfer. Von alten Fotos über Ausrüstung bis hin zu persönlichen Geschichten – hier wird gezeigt wie diese Männer und Frauen über Jahrzehnte für die Sicherheit und Autonomie der kurdischen Bevölkerung gekämpft haben, ein einzelner Abschnitt handelt vom Kampf gegen ISIS. Allerdings wie erwartet nicht interaktiv und durchgehend viel zu lesen, da ist viel Potenzial verschenkt.

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Der andere Bereich des Museums behandelt die Gräueltaten an der kurdischen Bevölkerung des Regimes von Saddam-Hussein. Etwas makaber dargestellt waren die Folterszenen. In Amna Suraka wurden vermutete kurdische Widerstandskämpfer in den 70er bis 80er Jahren inhaftiert, verurteilt und hingerichtet. Auch vor Jugendlichen machten Saddams Schergen keinen Halt und es gab Opfer, die mit 13, 14 inhaftiert wurden und aufgrund des irakischen Strafrechts erst mit 18 hingerichtet wurden. In diesem Raum wurden bis 30 Frauen mit ihren Babys gefangen gehalten. Der Folter- war im Gegensatz zum Exekutionsraum bewusst so gestaltet, dass Schreie nach aussen gelangen und andere Gefangene die Gefolterten hören konnte. Ein Lichtertunnel am Ende der Ausstellung symbolisiert Kurdistan, jedes große Licht an der Decke steht für ein Dorf und jeder Spiegel einen gefallen kurdischen Kämpfer (keine Garantie auf Richtigkeit, so aber meine Erinnerung)

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Nach einer guten Stunde verließen wir das Gelände, meine Bekannte musste sich schon wieder verabschieden und ich machte mich alleine auf den Weg zu meinem Dolphin Hotel, was gute 30min entfernt lag. Suleymaniah wirkte deutlich offener und jünger als Erbil. Hier
war das Frauen-Männerverhältnis nahezu ausgeglichen und auch Kopftücher sah man kaum. Langsam machte sich der Hunger bemerkbar und ich schlug bei einem sehr gut besuchten Stand für 1000IQD zum selbst belegen zu, es wurden die besten Falafel meines Lebens.

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Irgendwann fiel mir Trottel ein dass es doch den berühmten Aussichtspunkt am Berg gab, der jedoch eine 20-minütige Taxifahrt bedeutete. Unschlüssig, ob es für den Sonnenuntergang nicht eh schon zu spät sei, sprach ich Taxifahrer an, nachdem diese dann 20k IQD oneway wollten hatte sich das jedoch erledigt.
Etwas planlos begab ich mich auf die Suche nach einen richtigen Restaurant, als ich deutsche Stimmen aus einem der zahlreichen Alkoholshops laufen hörte. Eher im Pauschaltouri-Modus “Ah, ihr seid auch Deutsche” kamen wir ins Gespräch. Beide waren Anfang 20, studierten Luft- und Raumfahrttechnik und waren mit einem Kommilitonen hier, der Jeside ist und dessen Familie aus Duhok kommt. Wie ich bei Tee, ein paar Runden Durak, einer weiteren Falafel und einem scharfen Bohnengericht noch erfuhr, fungierte ein Cousin als Fahrer. Laut seiner Aussage sind Jesiden wohl recht locker, fasten nicht und trinken so wie er gut gemischt in seiner Coladose Alkohol.


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Bei einem Tee sprachen uns zwei Typen an, wo wir denn herkämen. Stolz zeigten sie ihre Peschmerga-Militärausweise (mit Angabe der Blutgruppe (!) - und bedankten sich nochmal ausdrücklich bei allen Deutschen für die Waffenlieferungen im Kampf gegen den IS. Kurz vor Mitternacht verabschiedete ich mich von meinen neuen Bekanntschaften und lief zu meinem Hotel. Auch morgen wollte ich früh los. Unterwegs kam ich noch an dieser Mauer vorbei, die abgeschnittenen Haare sind in Kurdistan ein Symbol des Protests. Populär geworden durch den Tod der Studentin Masa Ahmini`s 2022, die von Irans Sittenpolizei verhaftet und gefoltert wurde und drei Tage später im Krankenhaus verstarb. Wenn nur diese bescheuerte Schnupfen nicht wäre.

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