Ein beschaulicher Pedalritt durch Dänemark

ANZEIGE

Wolke7

Erfahrenes Mitglied
30.08.2010
3.383
1.552
Mit der Fähre setze ich nun über auf die Insel Als. Auf halbem Weg nach Sønderborg komme ich durch das Städtchen Augustenborg. Ein Barockschloss am westlichen Stadtrand verleiht dem Ort seine historische und wirtschaftliche Bedeutung.
Das Adelsgeschlecht Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenborg erwarb auf Als grosse Ländereien und baute im extra umbenannten Augustenborg seinen Stammsitz. Das heutige Schloss wurde 1770-1776 als symmetrischer Flügelbau errichtet.
Zunächst durchschreitet man das Torhaus und sieht rechts und links den Marstal sowie die Reithalle. Auch wenn es drei unabhängige Gebäude sind, wirken sie wie eine Dreiflügelanlage.
1790500455681.jpeg

Direkt anschliessend steht das eigentliche Schloss, das gerade für eine neue Nutzung neu gestaltet wird. Der Bauherr Herzog Friedrich Christian I. wollte mit diesem Schloss einen Versammlungsort des nordischen Adels schaffen. Doch erst sein Sohn Friedrich Christian II. stieg nach der Heirat mit der dänischen Prinzessin Louise Auguste 1786 in den Kreis des royalen Hochadels auf und konnte erst danach hochrangige Gäste in Augustenborg begrüssen.
Auf Schloss Augustenborg fanden prunkvolle Feste und kulturelle Begegnungen in absolutistischer Manier statt. Zweimal stellten die Augustenburger Herzöge sogar Ansprüche auf einen Königsthron: 1809 erfolgreich in Schweden, der Herzog starb jedoch kurz vor der Amtseinführung. Und 1848 erfolglos in Dänemark. Der Herzog schlug sich während der schleswig-holsteinischen Erhebung um den Landesteil Schleswig auf die schleswigsche Seite, der Aufstand wurde vom dänischen König niedergeschlagen und das Herzogtum Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg enteignet und aufgelöst.
Das Schloss wurde danach als Kaserne, Sanatorium und aktuell als Behördensitz genutzt. Es hat alle Kriege, Aufstände und Gewalt seit 1770 unbeschadet überstanden
1790500502975.jpeg

Sønderborg liegt am südlichen Ausgang des Als Sund, ein schmaler Fjord, der Als vom Festland trennt. Entsprechend spielt sich das Leben entlang der Uferpromenade und den dahinter liegenden Gassen ab. In den letzten 30 Jahren hat sich dieser Stadtteil signifikant verändert: Schlachthof, Hafenlager und Butterfahrtterminal wurden verlegt und durch diesen Flaniersteg, ein Kultur- und Konzerthaus sowie ein Hotel ersetzt.
1790500548897.jpeg

Nahe der Kong Christian X. Bro steht seit 2004 die Skulptur 'Butt im Griff' von Günter Grass. Der Literaturnobelpreisträger war auch Bildhauer und Graphiker.
1790500583095.jpeg

Nördlich der Brücke regen die 'Zeitzirkel' von Olafur Eliasson zum Nachdenken an.
1790500608710.jpeg

Stündlich öffnet sich die Kong Christian X. Bro und führt zum Stillstand des städtischen Durchgangsverkehrs. Gleichzeitig streben Segelyachten, die entweder im Hafenbecken Kringel gedreht oder kurz am Holzsteg festgemacht hatten, zur Durchfahrt.
1790500639789.jpeg

Das 'Schloss' ist eigentlich eine mittelalterliche Trutzburg zum Schutz vor Angriffen zur See und später auch vor räuberischen Piraten wie Klaus Störtebecker. Die Ursprünge gehen auf das 12. Jahrhundert zurück, der heutige Bau entstand ab etwa 1250 und wurde bis zum Ende der Hanse weiter verstärkt.
1667 ging das Schloss in den Besitz des dänischen Königs über. Residiert haben die Königinnen und Könige hier nie. Wer möchte schon in so einem düsteren Gemäuer leben und Hof halten, wenn es auch luftige und farbenfrohe Renaissance- und Barockschlösser gibt?
Selbst heute weilt der König bei seinen Besuchen in Sønderborg auf der königlichen Yacht 'Dannebrog', die einen festen Liegeplatz direkt am Schloss besitzt, oder im nahe gelegenen Schloss Gråsten.
1790500691868.jpeg

Der Søndertorv (südlicher Platz) wurde umfassend saniert. Ein paar schicke Restaurants laden zum Dinieren ein, und der Zugang zur Fussgängerzone nimmt hier seinen Ausgang (hinten im Foto).
Auf dem Platz wird dem Volkssport Ringreiten gehuldigt. Reiter auf einem galoppierenden Pferd versuchen mit einer Lanze einen kleinen Ring aufzuspiessen. Regelmässig ist dieser Wettkampf Teil von Volksfesten.
1790500779464.jpeg

Etwas ausserhalb im Wald steht dieser überdimensionierte Wanderstiefel. Unten bietet der Schuh einen geschützten Picknickplaz und oben eine Aussichtsplattform. Neugierige Besucher haben nachgemessen: Schuhgrösse 3600.
1790500817696.jpeg

Heute möchte ich einen Ausflug aufs Festland unternehmen. Bevor es richtig los gehen kann, öffnet sich die Brücke für die königliche Yacht 'Dannebrog'. Langsam gleitet die Yacht durch den Als Sund, die blauweiss gekleideten Matrosen stehen an Deck und an Land schauen alle interessiert zu.
1790500890086.jpeg
1790500912184.jpeg

Am Liegeplatz direkt vor dem Schloss hat sich auch schon eine Menschenmenge gebildet, die dänischen Fahnen sind gehisst und eine Kapelle begruesst das Schiff. Jedes Jahr reist König Frederik X. mit seiner Familie zum Sommerurlaub ins Gråsten Schloss. Natürlich darf dann auch die Dannebrog nicht fern sein.
1790500947859.jpeg

Es ist der 28. März 1864. In den frühen Morgenstunden wagen die preussisch-deutschen Truppen den Sturmangriff auf die dänische Armee, die sich beim Dorf Dybbøl verschanzt hat.
Was war passiert? In 1863 eskalierte das Machtspielchen um den Landesteil Schleswig. Preussen-Deutschland hielt Schleswig als dänisches Lehen und wollte es vollends zum eigenen Staatsgebiet hinzufügen. In Dänemark herrschte gleichzeitig eine nationale Stimmung, die den Landesteil kulturell und administrativ enger an sich binden wollte - auf keinen Fall durfte Schleswig ein Teil des Deutschen Reiches werden. Sowohl der deutsche Reichstag als auch das dänische Folketing haben Verfassungszusätze verabschiedet, die den Landesteil Schleswig jeweils für sich beanspruchten - alles das im Widerspruch zu bestehenden Verträgen und Abkommen.
Das Deutsche Reich besetzte daraufhin zunächst die Herzogtümer Lauenburg und Holstein (beide unter Herrschaft des dänischen Königs aus der Linie Glücksburg Christian IX.) und zog weiter nach Norden. Das dänische Heer hat sich nach Sønderborg zurückgezogen und die Düppeler Schanzen als ihr Verteidigungsbollwerk nutzen wollen. Einen Sturmangriff aus Westen hatte der Kommandeur wegen des offenen Geländes ausgeschlossen.
3 Wochen lang haben die preussisch-deutschen Truppen die Verteidiger mit Artillerie sturmreif geschossen und sie dann mit fünffacher Übermacht überrannt.
Heute sind die Düppeler Schanzen ein deutsch-dänischer Gedenkort.
Der preussische Generalmusikdirektor Gottfried Piefke hat vor Ort den Düppeler-Schanzen-Marsch komponiert und ihn während des Angriffs gespielt:
https://www.youtube.com/watch?v=eojaSZ429uM&list=RDeojaSZ429uM&start_radio=1 (Version mit Gesang)
1790501006183.jpeg
1790501029378.jpeg
1790501052944.jpeg

Die Mühle von Dybbøl ist ein Symbol des dänischen Widerstands. Bei einem Gegengefecht konnten dänische Truppen die Mühle zurückerobern und haben die Nationalfahne an einem Flügel nach oben gezogen. Das war das Signal 'Dänemark lebt und kämpft!'
1790501082126.jpeg

Nach ein paar km komme ich ins Dorf Broager mit dieser markanten Doppelturmkirche. Zur Entstehung der Türme existieren 2 Sagen:
Ein Ritter der nahe gelegenen Burg Schmolwall liess die Kirche errichten. Er wurde allerdings zum Kreuzzug ins Heilige Land gerufen und bat seine schwangere Frau, den Bau zu vollenden. Schon von weitem wollte er bei seiner Rückkehr sehen können, ob sein Kind ein Junge oder ein Mädchen sei; Spitzturm für einen Jungen, Zwiebelturm für ein Mädchen. Das Ergebnis ist offensichtlich.
Oder
Die beiden Töchter des Lokalfürsten auf Burg Schmölwall wurden als Siamesische Zwillinge geboren. Zum Gedenken an ihr Schicksal wurden die Doppeltürme errichtet.
Die zweite Sage berichtet auch, die eine Schwester habe 7 Jahre länger gelebt, und deshalb sei der eine Turm höher ausgeführt. Tatsächlich sind die Türme aber gleich hoch.
1790501132003.jpeg

Im nächsten Kapitel geht es auf die Insel Ærø.
 
Zuletzt bearbeitet: