Deine Thesen sind weitgehend zutreffend. Dennoch finde ich, dass man gewisse Punkte auch deutlich anders sehen kann. Die folgenden Anmerkungen sind daher keineswegs als Kritik, sondern vielmehr als Ergänzung zu verstehen.
Wobei der Spruch auf die Perspektive des Empfängers gemünzt (no pun intended) ist.
Die gängigen (z.T. auch unterschwelligen und unbewussten) Vorbehalte sind, mal möglichst wertfrei und ohne Ansehen des Wahrheitsgehalts:
- wer mit Karte bezahlt, hat seine Finanzen nicht im Griff [weil er ja offenbar illiquide ist oder seinen Bargeldbedarf nicht geplant hat] (und davon abgeleitet dann: Karte ist nur für den Notfall und man entschuldigt sich, wenn man doch mal damit bezahlen muss)
Illiquide kann doch aber nur auf das Vorhalten von Bargeld bezogen sein, nicht auf finanzielle Liquidität im Allgemeinen. Immerhin erhalte ich doch von jemandem ein Darlehen, wenn ich meine KK nutze. Insofern wird meine Rückzahlungswahrscheinlichkeit als relativ hoch angesehen. Jemand vertraut mir, dass ich die getätigten Umsätze auch am Monatsende begleichen kann. Eine solche Einschätzung trifft wohl eher auf vermögendere als auf unvermögendere Menschen zu. Den Vermögenderen unterstelle ich dann einfach mal, KK aus diversen Motiven (Bequemlichkeit, Perks, u Name it) zu nutzen, als dass man sich die Tankfüllung ohne "Überbrückungsfinanzierung" in der Monatsmitte nicht mehr leisten kann.
das ist wahr, und es kann daher auch nicht als Gradmesser für allgemeine Rückständigkeit dienen. Auch spezifisch deutsch ist es nicht. Im oft so hochgelobten "Hightechland" Japan z.B. ist Bargeldzahlung gefühlt mindestens genauso verbreitet.
Meine Thesen sind wie folgt:
in einer Gesellschaft/einem Markt, in dem viel mit Bargeld bezahlt wird (obgleich die Infrastruktur es grundsätzlich zuließe, auch bargeldlos zu bezahlen, und der durchschnittliche Verbraucher auch zu günstigen Konditionen an bargeldlose Zahlungsmittel kommt),
- besteht eine relativ geringe Kriminalitätsrate (d.h. mit Bargeld rumzulaufen ist nicht super gefährlich)
- sind die Kosten/Aufwände für Bargeldbeschaffung nicht prohibitiv (gute Infrastruktur an GAA oder Banken)
Mein erster Gedanke, als ich "Kriminalitätsrate" las: Es sollte "höhere" heißen. Es muss gar nicht immer nur um Handel mit Betäubungsmitteln gehen. Ich sehe das genereller. Denn wenn die Mittel aus fragwürdigen Quellen stammen, wird man wohl eher geneigt sein, bar zu zahlen, als das Geld erst über KK und Giro zu schleusen.
Darüber hinaus finde ich, dass der Aufwand, zumindest für Verbraucher, Bargeld zu beschaffen, teils nicht gering sind. Ich zahle jedenfalls keine €5, um Bargeld ziehen zu können. Und ich kenne viele, die das ebenfalls nicht machen, aber dann den Umweg zur "eigenen" Bank machen. Es ist eher so, dass der durchschnittliche Deutsche mit den Rahmenbedingungen abfindet und sich dem eben anpasst, als etwas daran zu ändern (ein Konto bei einer Direktbank wäre zumindest mal ein Anfang).