Meine oneworld emerald-Requalifizierungsreise nach Peking (mit Umwegen)

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f0zzyNUE

Erfahrenes Mitglied
08.03.2009
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Vorwort
Oder Wie man sich völlig rational nach Peking verirrt.

Manchmal hat Vielflieger-Gamification tatsächlich ihre Vorteile. Zum Beispiel, wenn man sich mit günstigen Tarifen und einem Status-Run selbst davon überzeugt, dass ein komplett unnötiger Umweg plötzlich eine kulturell wertvolle Bildungsreise ist. Andere Menschen lesen Bücher, lernen Sprachen oder gehen wandern. Wir fliegen über Kairo nach Peking, um irgendwo in einer Airline-Datenbank ein hübscheres Statussymbol zu bekommen. Jeder hat eben seine Hobbys.

Ich habe bereits Flying Blue Platinum For Life und den Döner-HON bis Oktober 2029, was für einen halbwegs vernünftigen Menschen vermutlich reichen sollte. Aber Vielfliegerstatus ist ein bisschen wie Hotelbuffet: Man ist längst satt, nimmt aber trotzdem noch ein Croissant mit, weil es "ja inklusive" ist.

Letztes Jahr hatte ich zudem einen Status Match zu Royal Air Maroc SafarFlyer gemacht. Und dann kam diese eine Stunde, in der mein Verstand offenbar kurz zum Duty-Free gegangen war und nicht rechtzeitig zurückkam. In dieser Stunde beschloss ich, den SafarFlyer Platinum zu requalifizieren.

Dafür braucht man 70.000 Statusmeilen, davon mindestens 37.500 auf Royal Air Maroc Flügen. Klingt zunächst nach Arbeit. Dann entdeckte ich den 3x Status Booster. Plötzlich klang es nicht mehr nach Arbeit, sondern nach einer Excel-Tabelle mit emotionalem Schadenpotenzial.

"Easy peasy", dachte ich mir. Ein günstiges Langstrecken-Business-Class-Ticket, ein bisschen Booster-Magie, ein paar fragwürdige Entscheidungen - und schon sollte das Ziel erreichbar sein. Was sollte schon schiefgehen? Eine Frage, die man sich vor Reisen grundsätzlich nie stellen sollte, weil das Universum sie gern als Einladung versteht.

Also wurde nicht lange gefackelt. Google Flights wurde so lange malträtiert, bis es vermutlich kurz davor war, eine Schutzanordnung zu beantragen. Schließlich fand ich einen Business-Class-Tarif für 1.650€ von Kairo über Casablanca nach Peking Daxing. Der 3x Status Booster kostete 198€ extra. Kurz nachgerechnet - und voilà: Die Reise würde über 77.000 Statusmeilen bringen. Sogar von null Status aus. Mathematik kann manchmal schön sein. Meistens aber nur, wenn sie den eigenen Wahnsinn bestätigt.

Aufgrund zeitlicher und privater Constraints - also des kleinen Details, dass das echte Leben gelegentlich unverschämt in perfekte Routings hineinfunkt - entschied ich mich für den Hinflug für einen Biz-Flex-Tarif. Das kostete etwa 200€ extra, brachte aber dafür mehr Statusmeilen, nämlich 200%. Der Rückflug hingegen würde regulär und ohne Booster nur 150% Meilen bringen. Dadurch konnte ich in Casablanca aussteigen und von dort mit einem Miles & More Business Award zurück nach Nürnberg fliegen. Kostenpunkt: ungefähr 10.000 Meilen plus 200€. Also quasi geschenkt, wenn man alle vorherigen Ausgaben großzügig ignoriert.

Als Positionierungsflug nach Kairo wählte ich Turkish Airlines von Nürnberg via Istanbul nach Kairo für 37.000 Meilen plus 190€. Ein Business-Award bei Turkish hätte 60.000 Meilen gekostet, bei ähnlich hohen Steuern. Und irgendwo muss man schließlich Grenzen setzen. Nicht moralisch natürlich, aber buchungstechnisch.

Kurze Zeit später hatte ich auch noch eine Reisebegleitung. flysurfer fand die Reise interessant und buchte sich dazu - zumindest für die Hinreise. Aus einem leicht fragwürdigen Plan wurde also ein Team-Event. Double team, double fun. Oder wie man im britischen Understatement sagen würde: Das konnte ja heiter werden.

Die Reise war also gebucht, die Routings waren optimiert, die Meilen kalkuliert, die Hotels sortiert und der Plan stand. Alles war vorbereitet.

Naja, fast alles.

Denn wie sich kurz vor dem Start am Flughafen in Nürnberg herausstellen sollte, hatte ich meine Geldtasche mit allen Kreditkarten vergessen. Ein kleines Detail nur. Kaum der Rede wert. Schließlich braucht man auf einer Reise über Kairo, Casablanca und Peking ja kaum Zahlungsmittel. Was soll schon passieren? Immerhin flysurfers Anwesenheit wirkte plötzlich nicht mehr nur gesellig, sondern auch finanziell systemrelevant.

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Alfalfa

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23.01.2022
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Vielversprechend. Gibt durchaus Inhalte mit hohem Wiedererkennungs Wert. 😆 Lese gerne mit.
 
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f0zzyNUE

Erfahrenes Mitglied
08.03.2009
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Nürnberg – Kairo
Oder: Der ägyptische Visumstanz und andere kleine Demütigungen

Für Ägypten braucht man als deutscher Reisender ein Visum. Das kann man online beantragen, was zunächst nach einer modernen, komfortablen Lösung klingt. In der Praxis fühlt es sich eher an, als hätte jemand ein Formularsystem aus dem Jahr 2004 in eine Behörde gesteckt und gesagt: „Das reicht so, die Touristen kommen ja trotzdem.“

Ich kämpfte mich durch den Online-Antrag und erhielt etwa eine Woche später mein eVisa für 25 USD. Ein kleiner Sieg für Bürokratie und Ausdauer — und im Nachhinein eine besonders brillante Entscheidung, denn ohne Geldtasche und ohne physische Kreditkarten hätte ich auf ein Visa-on-Arrival-Abenteuer nur begrenzt Lust gehabt. Also ungefähr gar keine.

flysurfer hingegen hatte offenbar den letzten Button zum Payment übersehen und bekam daher kein Online-Visum. Kein Drama, denn am Flughafen kann man ja für 30 USD einen Visa-Aufkleber kaufen. Sollte einfacher sein. Dachten wir. Niedlich, wie optimistisch man nach einem Flug noch sein kann.

Schon beim Ankommen in Kairo begann das Spektakel. Erst wurde flysurfer im Pulk der Visum-Antragsteller in die falsche Schlange gelotst. Nicht zu einer offiziellen Bank, sondern zu einem dieser wunderbaren Touri-Nepp-Schalter, bei denen man sofort spürt: Hier wird nicht nur Geld gewechselt, hier wechseln auch Lebensentscheidungen ihre Richtung.

Während ich auf der Suche nach dem Fast Track war, entdeckte ich weitere Bankschalter mit keiner oder nur sehr kurzer Warteschlange. Also lotste ich ihn dorthin. Er stellte sich an der kürzeren Schlange an, wartete ein paar Minuten, kam endlich dran — und wurde vom Schalter wieder weggeschickt. Zum Schalter nebenan. Dort hatte sich inzwischen natürlich eine längere Schlange gebildet. Perfektes Timing. Ein Ballett aus Ineffizienz.

Nach weiteren zehn Minuten war er dort an der Reihe. Der Mitarbeiter wollte ihn dann wieder zu der Bank schicken, die ihn vorher bereits abgewiesen hatte. An dieser Stelle wurde aus dem Visumprozess langsam eine absurde ägyptische Version von „Und täglich grüßt das Murmeltier“, nur mit mehr Stempeln und weniger Bill Murray. Und ich beobachtete aus sicherer Distanz und versuchte mir ein Bild darüber zu machen was in der Schlange noch vor sich ging.

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Dann begannen die Diskussionen. Das Problem war, dass die Banken — ja, Banken und Wechselstuben, nicht etwa mysteriöse Kioske im Hinterhof — keine Euro annehmen wollten. Nur US-Dollar in bar. In einem internationalen Flughafen. Bei einem Visa-on-Arrival-Prozess. Für internationale Gäste. Man muss diese Konsequenz fast bewundern.

Ich stand daneben mit meinem bereits vorhandenen eVisa und der souveränen Ausstrahlung eines Mannes, der zwar einreisen darf, aber im Zweifel nicht einmal einen Kaffee mit physischer Kreditkarte bezahlen könnte. Ein sehr spezielles Gefühl von Luxus und Hilflosigkeit zugleich. Obenrum Vielfliegerstatus, untenrum finanzielle Barfußwanderung.

Am Ende konnte flysurfer dann doch mit Kreditkarte zahlen. Warum nicht gleich so? Eine Frage, die in Ägypten wahrscheinlich ganze philosophische Fakultäten beschäftigen könnte.

Kaum war das Visum erledigt, steigerte flysurfer den Unterhaltungswert der Situation noch einmal beträchtlich, indem er seinen Koffer am Bankschalter stehen ließ. Einfach so. Als kleine Sachspende an die ägyptische Grenzinfrastruktur. Zum Glück fiel es mir rechtzeitig auf, denn sonst hätte unsere ohnehin schon angenehm chaotische Einreise noch eine zusätzliche Nebenhandlung bekommen: „Zwei Männer, ein Visum und die Suche nach einem herrenlosen Koffer am Flughafen Kairo.“ Vermutlich mit Sicherheitskräften, Formularen und mindestens drei weiteren Schaltern, die jeweils auf den Schalter nebenan verweisen.

So blieb es bei einem kurzen Moment gepflegten Herzstillstands, gefolgt von der beruhigenden Erkenntnis, dass wenigstens der Koffer wieder da war. Die Geldtasche war zwar zu Hause geblieben, aber man muss seine Verluste ja nicht unnötig diversifizieren.

Die eigentliche Einreise ging dann erstaunlich schnell. Stempel in den Pass, danach noch durch zwei weitere Kontrollen, bei denen jeweils geprüft wurde, ob der Stempel auch wirklich im Pass war. Vermutlich für den Fall, dass er sich zwischen den Kontrollpunkten aus dem Staub gemacht hatte.
 

f0zzyNUE

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08.03.2009
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Der Sixt-Ride, der keiner sein wollte
Oder: Wo zum Kameltreiber ist der Fahrer?

Bei Sixt Ride kann man angeben, welcher Name auf dem Schild des Fahrers stehen soll. Also dachte ich naiverweise, dass wir in der Ankunftshalle von einem Fahrer mit einem Schild "f0zzyNUE" empfangen würden. So wie in Filmen. Nur eben mit weniger Glamour und mehr Koffern.

Fehlanzeige.

Nirgends war ein Mensch mit Namensschild zu sehen. Kein "f0zzyNUE". Kein "Mr. f0zzy". Kein verwirrter Fahrer mit Pappschild. Nichts. Nur das übliche Flughafenchaos und diese gewisse Atmosphäre, in der man plötzlich beginnt, alle Menschen kritisch anzustarren, als könnten sie heimlich der eigene Transfer sein.

Zum Glück war in Sichtweite der Sixt-Mietwagenschalter. Die müssten ja wissen, wo der Sixt-Fahrer ist. Schließlich steht Sixt drauf. Das ist zumindest die naive Theorie des mitteleuropäischen Reisenden.

Tja. Wieder Fehlanzeige.

Der Mitarbeiter zeigte nur auf die Telefonnummer in der Reservierung und meinte, ich solle dort anrufen. Großartig. In Ägypten telefonieren, um einen Transfer zu finden, der eigentlich dazu gedacht war, genau diesen Stress zu vermeiden. Normalerweise hätte ich mich an dieser Stelle gefragt, welche Kreditkarte wohl die geringsten Auslandsgebühren hat. Diesmal war diese Überlegung eher akademischer Natur, denn meine Kreditkarten lagen vermutlich zu Hause auf dem Tisch und hatten einen entspannten Abend.

Zum Glück hatte ich noch eine Airalo-eSIM mit 100 Minuten freier Telefonie. Ein seltener Moment, in dem vergangene Reiseparanoia plötzlich wie vorausschauende Planung wirkte.

Der Fahrer war dann schnell erreicht. Er meinte, wir sollten vor das Gebäude kommen. Sein Nummernschild ende auf 737 - oder so ähnlich - und er sei in einem schwarzen Auto.

Perfekt. In Kairo vor dem Terminal nach einem schwarzen Auto zu suchen ist ungefähr so hilfreich wie in London nach jemandem mit Regenschirm zu fragen.

Wir verließen also die Ankunftshalle und standen sofort mitten im Chaos. Autos en masse. Menschen en masse. Geräusche en masse. Alles bewegte sich gleichzeitig, aber nicht unbedingt in eine nachvollziehbare Richtung. Von unserem Fahrer oder seinem Auto keine Spur.

Sollten wir jetzt den ganzen Parkplatz nach einem schwarzen Auto mit einem Nummernschild, das vielleicht auf 737 endet, absuchen? Mein Puls war mittlerweile bei 160. Es ist wirklich jedes Mal derselbe Mist mit gebuchten Transfers. Man bezahlt im Voraus für Komfort und bekommt dann ein kleines interaktives Suchspiel namens "Findet den Fahrer, bevor ihr die Nerven verliert".

In meinem Fall mit dem Bonuslevel: "Bitte findet ihn, denn spontane Bargeld- oder Kreditkartenlösungen sind heute eher theoretischer Natur."

Nach ein paar Minuten gepflegter Hilflosigkeit rief ich erneut an. Und genau in diesem Moment bog ein London-Taxi um die Ecke. Der Fahrer erklärte trocken: "Jetzt bin ich da."

Natürlich. Warum auch nicht. Man sucht ein schwarzes Auto mit irgendeinem Kennzeichen und am Ende kommt ein London-Taxi. Cairo, baby.

Vermutlich wäre die Verhandlung mit einem lokalen Taxifahrer ähnlich stressig gewesen, nur mit mehr Handbewegungen und weniger App-Illusion. Andererseits wäre eine Taxiverhandlung ohne Geldtasche und ohne physische Kreditkarten auch ein interessanter Feldversuch in angewandter Verzweiflung geworden.

Aber immerhin: Wir hatten unser Fahrzeug gefunden. Oder es hatte uns gefunden. So genau weiß man das in Kairo wahrscheinlich nie.

Und damit ging es endlich Richtung Hotel. Nach Visumsschlangen, Bankschalter-Pingpong, Kreditkarten-Drama, vergessener Geldtasche und der Suche nach dem Phantom-Sixt-Fahrer fühlte sich die Fahrt ins Hotel bereits wie ein kleiner Sieg an.

Dabei hatte die eigentliche Reise nach Peking noch nicht einmal richtig begonnen.

to be continued ...
 

f0zzyNUE

Erfahrenes Mitglied
08.03.2009
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Auf nach Casablanca
Oder: Wenn eine Bordkarte plötzlich keine Bordkarte mehr ist

Ziel unseres London Cabs war das InterContinental Citystars Cairo, etwa neun Kilometer vom Flughafen entfernt. Nach rund 15 Minuten Fahrt waren wir da - also gerade genug Zeit, um den Puls vom vorherigen Flughafen-Zirkus wieder von "medizinisch interessant" auf "leicht gereizter Mitteleuropäer" herunterzufahren.

Für den kurzen Aufenthalt hatte ich 39.000 IHG Punkte eingesetzt. Irgendwann müssen die ja auch mal weg. Punkte sind schließlich wie Gewürze hinten im Küchenschrank: Man hebt sie ewig auf, bis man irgendwann beschließt, dass nun wirklich der Moment gekommen ist, sie für eine Nacht in Flughafennähe zu verbrennen.

Beim Upgrade hatten wir die Wahl zwischen einer Suite mit Kingsize-Bett oder einem Premium-Zimmer mit zwei King-Betten. Da ich mit flysurfer unterwegs war und unsere Reisegemeinschaft zwar stabil, aber nicht zwingend romantisch angelegt war, entschieden wir uns für das Premium-Zimmer mit zwei Betten. Sehr vernünftig. Fast schon erwachsen.

Das Zimmer war großzügig, die Betten bequem, und die Minibarpreise waren überraschend moderat. Den 20 USD Ambassador Voucher aufzubrauchen, wäre mit Softdrinks allein fast schon sportlich gewesen. Man hätte vermutlich den gesamten alkoholfreien Teil der Minibar leeren können und wäre trotzdem nicht in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten geraten. Was in meinem Fall ohne Geldtasche ohnehin hilfreich war.

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Eine mir bis dahin unbekannte Geschmacksrichtung war Fanta Green Apple. Natürlich musste ich probieren, denn als erfahrener Reisender ist man schließlich verpflichtet, lokale und semi-lokale Zuckerexperimente wissenschaftlich zu evaluieren. Das Ergebnis: künstlich, süß und mit einem Aroma, das irgendwo zwischen Apfel, Kindergeburtstag und Chemielabor pendelte. Ich beließ es daher bei Wasser. flysurfer hingegen schmeckte die Fanta. Man lernt auf Reisen eben nicht nur Länder kennen, sondern auch die fragwürdigen Vorlieben seiner Begleitung.

Den Wecker stellte ich auf 06:30 Uhr. Das sollte locker reichen für eine Morgendusche, Koffer packen, ein Frühstück in der Lounge und unseren Pickup um 08:00 Uhr. Der Flug nach Casablanca sollte um 09:40 Uhr starten, und unsere Bordkarten hatten wir bereits ausgedruckt. Wir waren also safe.

Dachten wir.

Was für ein wunderschön naiver Satz.

In der Nacht bekam flysurfer außerdem bereits einen ersten Vorgeschmack auf meine Schlafapnoe-Schnarcherei, die ihm im weiteren Verlauf der Reise noch so manche Stunde Schlaf kosten sollte. Man könnte sagen: Ich bot ihm nicht nur Reisebegleitung, sondern auch ein akustisches Rahmenprogramm. Andere zahlen für White Noise. Er bekam Industrial Noise kostenlos dazu.

Am nächsten Morgen ging es in die Lounge. Die Lounge im Citystars ist riesig und beschäftigt gefühlt eine kleine Armee an Servicekräften, die sich mit beeindruckender Aufmerksamkeit auf die wenigen Gäste stürzen. Es hatte ein bisschen die Atmosphäre eines sehr eleganten Restaurants, das versehentlich für eine UN-Konferenz vorbereitet wurde, zu der dann nur fünf Menschen erschienen.

Das Frühstücksbuffet war reichlich gedeckt, und zusätzlich gab es à-la-carte-Optionen. Ich wählte Falafel und Halloumi-Käse, weil ich den Tag essenstechnisch sanft beginnen wollte. Schließlich lag noch eine lange Reise vor uns, und in der Business Class bekommt man erfahrungsgemäß genug zwischen die Zähne - ob man will oder nicht. Man muss ja nicht schon morgens um sieben den Stoffwechsel beleidigen.

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Pünktlich um 08:00 Uhr standen wir in der Lobby und fragten uns, wie wir diesmal unseren Fahrer finden würden. Nach dem Chaos am Flughafen konnte es ja eigentlich nur besser werden.

Natürlich war das erneut sehr optimistisch.

In typischer Sixt-Ride-Manier fehlten wieder ein paar hilfreiche Details. Zum Beispiel die Telefonnummer des Fahrers in der Buchung. Ein kleines, völlig nebensächliches Detail bei einem gebuchten Transfer. Ungefähr so nebensächlich wie Räder bei einem Auto.

Ich fand schließlich eine Nummer in einer E-Mail, rief dort an, und diesmal fanden wir den Fahrer relativ schnell. Allerdings wäre es ja langweilig gewesen, wenn einfach ein normales Auto mit der korrekten Nummer vor dem Hotel gestanden hätte. Also stand am Ende wieder ein London Cab vor der Tür. Warum auch nicht. In Kairo ist offenbar jedes zweite gebuchte Premium-Fahrzeug ein London-Taxi mit Identitätskrise.

Zur Verwirrung stimmte die Fahrzeugnummer des Cabs nicht mit der von Sixt übermittelten Nummer überein. Außerdem hatte ich versehentlich eine Rückfahrt zu Terminal 3 gebucht, obwohl wir zu Terminal 2 mussten. Ein kleiner Bedienfehler. Kaum der Rede wert. Schließlich geht es bei Flughäfen ja nur um winzige Unterschiede wie "richtiger Terminal" und "komplett falsche Richtung".

Zum Glück ließ sich das schnell klären, und wenige Minuten später waren wir unterwegs. Gegen 08:25 Uhr erreichten wir Terminal 2 - etwa 75 Minuten vor Abflug. Für einen internationalen Flug ab Kairo nicht üppig, aber mit ausgedruckten Bordkarten und Business-Class-Ticket durchaus machbar.

Also theoretisch.

Zuerst ging es durch die obligatorische Sicherheitskontrolle, bevor man überhaupt ins Terminal kam. Terminal 2 scheint vor allem von arabischen Airlines genutzt zu werden; westliche Gestalten waren jedenfalls eher rar gesät. Wir fühlten uns ein wenig wie Statisten in einer Szene, in der noch niemand das Drehbuch gelesen hatte.

Hinter der Rolltreppe nach oben zur Immigration befand sich der Check-in-Bereich von Royal Air Maroc. Da wir ja bereits unsere ausgedruckten Bordkarten hatten, gingen wir direkt weiter zur Passkontrolle.

Fast Track? Fehlanzeige.

Trotz Business-Class-Ticket hätten wir offenbar einen separaten Fast-Track-Pass für 15 USD gebraucht. Natürlich. Business Class ist schön, aber echte Geschwindigkeit gibt es nur gegen Sondermarke. Also stellten wir uns brav in die reguläre Schlange und warteten ein paar Minuten.

Dann war ich dran. Ich reichte der Grenzbeamtin meinen Pass und meine ausgedruckte Bordkarte. Sie schaute mich an. Dann auf das Papier. Dann wieder mich.

"Where is your boarding pass?"

Ich deutete auf das ausgedruckte Dokument. Also auf das Ding, das aussah wie eine Bordkarte, sich benahm wie eine Bordkarte und von Royal Air Maroc beim Online-Check-in als Bordkarte ausgespuckt worden war.

Sie blieb unbeeindruckt.

Das sei keine Bordkarte. Ich müsse zurück zur Airline und mir eine richtige Bordkarte ausstellen lassen.

In diesem Moment gefror mir fast das Blut in den Adern. Es war 08:37 Uhr. Drei Minuten vor Check-in-Schluss.

Drei Minuten.

Nicht "ach, wir haben noch locker Zeit"-drei Minuten. Sondern "gleich wird aus einem Reisebericht ein Drama in drei Akten"-drei Minuten.

Um den Schwierigkeitsgrad unnötig zu erhöhen, mussten wir erst die komplette Zickzack-Absperrung der Immigration zurücklaufen. Natürlich konnte man nicht einfach seitlich raus. Das wäre zu praktisch gewesen und hätte den Unterhaltungswert reduziert. Danach sprinteten wir zur Rolltreppe, nur um festzustellen, dass diese ausschließlich nach oben fuhr. Nach unten gab es nur eine normale Treppe.

Also Treppe runter. Mit Gepäck. Mit Puls. Mit Würdeverlust.

Außer Atem erreichten wir den Check-in-Schalter, an dem der letzte Agent gerade im Begriff war, Feierabend mit unserer Reiseplanung zu machen. Uff. Gerade noch rechtzeitig.

Der Agent stellte uns dann richtige Bordkarten aus. Also solche, die in Kairo von Grenzbeamten als Bordkarten akzeptiert werden. Schrödingers Bordkarte war damit offiziell kollabiert: Vorher war sie gleichzeitig gültig und ungültig, je nachdem, wer sie anschaute.

Lesson learnt: In Nordafrika sicherheitshalber immer eine von der Airline gedruckte Bordkarte bereithalten. Am besten auf schwerem Papier, mit Stempel, Siegel, königlicher Unterschrift und vielleicht einer kleinen Messingplakette.

Eine Frage bleibt allerdings offen: Andere Airlines unterbinden Online-Check-in oder das Ausstellen von Online-Bordkarten, wenn diese später am Flughafen nicht akzeptiert werden. Royal Air Maroc geht offenbar einen anderen Weg und denkt sich vielleicht: "Mal sehen, wer es trotzdem schafft." Eine elegante Maßnahme gegen Überbuchung. Wer an der Immigration scheitert, braucht auch keinen Sitzplatz mehr.

Ab diesem Moment lief es wieder entspannter. Also relativ entspannt, im Sinne von: keine unmittelbare Gefahr mehr, wegen eines Ausdrucks in Ägypten zurückzubleiben.

Es folgte die nächste Sicherheitskontrolle. Laptop wieder auspacken, Dinge in Wannen legen, Dinge aus Wannen nehmen, innerlich altern. Die Lounge ließen wir links liegen, denn als wir am Gate ankamen, begann bereits das Boarding.

Also lief am Ende doch alles wie ein Schweizer Uhrwerk. Nur eben eines, das zwischendurch brennt, einen Nervenzusammenbruch hat und dann überraschend doch noch die richtige Uhrzeit anzeigt.

Wir saßen auf 1A und 1C, in breiten, bequemen Recliner-Sesseln. Ähnlich wie bei Turkish Airlines, nur mit weniger Recline und ohne Fußstütze. Außerdem fehlten Steckdose und Bord-Entertainment. Für einen kurzen Flug wäre das völlig egal gewesen.

Nur war der Flug von Kairo nach Casablanca eben nicht wirklich kurz.

Wer hätte gedacht, dass man von Kairo nach Casablanca fast sechs Stunden unterwegs ist? Geografisch ergibt es natürlich Sinn, emotional aber nicht. Im Kopf liegt "Casablanca" irgendwo links von Ägypten und damit gefühlt zwei Filme und ein Couscous entfernt. In der Realität sitzt man dann fünf bis sechs Stunden in einem Recliner ohne Steckdose und denkt über die Größe Afrikas nach.

Als Pre-Departure Drink wählte ich eine Lemonade, die deutlich minziger war als die von Turkish Airlines. flysurfer nahm Orangensaft. Dazu wurde ein Amenity Kit ausgeteilt. Besonders gut gefielen mir die marokkanischen Pflegeprodukte mit tollem Zitrusduft: Lippenbalsam, Gesichtscreme, Face Mist und Multi-Purpose Dry Oil. Sehr angenehm. Sehr duftig. Sehr "ich bin zwar seit 04:30 wach, aber mein Gesicht riecht immerhin nach Boutique-Spa in Marrakesch".

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Dummerweise fehlten Ohrstöpsel. Für mich war das dank meiner AirPods Pro kein Problem. Noise Cancelling an, Welt aus, fertig. Für flysurfer war die Abwesenheit von Ohrstöpseln vermutlich weniger erfreulich, nachdem er in der Nacht zuvor bereits einen ersten Eindruck meiner Schlafapnoe-Schnarcherei bekommen hatte. Man hätte ihm also durchaus ein Paar Ohrstöpsel gönnen können - aus humanitären Gründen, wenn nicht aus Servicegedanken.

Fast pünktlich ging es los, und dank Rückenwind betrug die Flugzeit am Ende nur knapp über fünf Stunden. "Nur" ist hier natürlich relativ. Wie auch "Bordkarte", wie wir inzwischen gelernt hatten.

Das Catering war eher so lala. Ich bin ohnehin kein großer Omelett-Fan, und das servierte Exemplar hat mich nicht spontan bekehrt. Aber gut: Ich hatte in Kairo nur ein kleines Frühstück gehabt, also musste es irgendwie rein. Man ist ja nicht zum Spaß in der Business Class - außer natürlich wegen genau diesem ganzen Unsinn.

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Den Rest des Fluges döste ich vor mich hin. Zwischen halbem Schlaf, leichten Sitzpositionsverhandlungen und dem Versuch, nicht zu sehr über den Beinahe-Bordkarten-Fail nachzudenken, ging die Zeit dann doch schneller vorbei als erwartet.

Und so näherten wir uns Casablanca - mit echten Bordkarten, vollständigem Gepäck, weiterhin ohne meine Geldtasche, aber immerhin mit gewonnener Erkenntnis:

Man kann sich auf Reisen vieles ausdrucken. Sicherheit gehört nicht dazu.

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f0zzyNUE

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Transit in Casablanca
Oder: Die Kunst, eine Lounge zu verstecken und trotzdem überall Schilder aufzustellen

Wir kamen letztlich rund 25 Minuten früher in Casablanca an. Ein kleiner Sieg gegen den Flugplan, die Geografie und die allgemeine Erwartung, dass auf dieser Reise irgendetwas einfach funktionieren könnte.

Unser Flieger, CN-RGV, trug eine Sonderlackierung zum Thema 60 Jahre Royal Air Maroc. Sehr hübsch anzusehen, wobei mir zu diesem Zeitpunkt vor allem wichtig war, dass das Flugzeug uns korrekt in Marokko abgesetzt hatte und nicht spontan beschlossen hatte, wegen eines ausgedruckten Dokuments doch wieder nach Kairo zurückzukehren.

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Im Terminal lief zunächst alles erstaunlich geschmeidig. Rolltreppen und Rollwege funktionierten einwandfrei - also im Grunde Science-Fiction aus Sicht mancher deutscher Flughäfen. Die Sicherheitskontrolle war ebenfalls effizient, auch wenn Laptop und Flüssigkeiten wieder ausgepackt werden mussten. In Nürnberg waren noch beide Gepäckstücke zur genaueren Kontrolle rausgezogen worden, in Casablanca hingegen liefen sie einfach durch. Offenbar strahlten unsere Taschen hier mehr Vertrauenswürdigkeit aus. Oder die marokkanische Sicherheit hatte schlicht Besseres zu tun, als meine Ladekabelsammlung forensisch zu analysieren.

Danach begann die Suche nach der Royal Air Maroc Lounge, die sich angeblich im Gate-Bereich E befinden sollte. Wir folgten brav der Beschilderung "VIP Lounges", denn als optimistischer Reisender glaubt man ja zunächst, dass Schilder zu etwas führen. Ein klassischer Anfängerfehler.

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Die Beschilderung endete. Wir standen vor der Aspire Lounge. Die Dame am Eingang sah uns an und teilte uns mit, dass wir hier falsch seien. Das war natürlich fachlich korrekt, aber für die Lösung unseres Problems nur begrenzt hilfreich. Also blickten wir uns erneut um, suchten nach weiteren Hinweisen, Pfeilen, Zeichen, Symbolen, göttlicher Führung - aber nada, niente, nix. Kein Hinweis auf die Zenith Lounge. Keine Royal-Air-Maroc-Spur. Nicht einmal ein halbherziger Pfeil auf einem vergessenen Aufsteller.

Auf Nachfrage bei der Aspire-Dame erklärte sie uns schließlich, wir müssten nach unten fahren. Wie recht sie doch hatte.

Kaum waren wir zwei Stockwerke tiefer angekommen, standen dort plötzlich alle fünf Meter riesige Aufsteller mit Hinweisen zur Royal Air Maroc Lounge. Nicht einer. Nicht zwei. Nein, eine ganze Allee der Erkenntnis. Plötzlich war alles ausgeschildert, als hätte man Angst, Passagiere könnten versehentlich in Richtung Mond abbiegen.

Die naheliegende Frage: Warum nicht auch zwei Stockwerke höher? Also dort, wo alle Passagiere nach der Sicherheitskontrolle tatsächlich ankommen?

Vermutlich bekam jemand den Auftrag, die Lounge auszuschildern, lief los, stellte nach zehn Metern fest, dass das Terminal ganz schön groß ist, und entschied dann: "Ach komm, ich stelle einfach alle Schilder kurz vor der Lounge auf. Wer es bis hierhin schafft, hat es verdient." Sehr marokkanisch. Sehr pragmatisch. Sehr Escape-Room.

Die Lounge selbst war ziemlich voll, als wir ankamen. Sie ist auf zwei Stockwerke verteilt und verfügt unten auch über einen Außenbereich für Raucher. Dorthin verzogen wir uns erst einmal, denn frische Luft tut nach Sicherheitskontrolle, Terminalsuche und Schildersafari ganz gut. Bei etwa 25 Grad Außentemperatur und einer kühlen Brise war das sogar ausgesprochen angenehm. Fast schon erholsam. Also gefährlich nah an dem, was man sich unter Reisen eigentlich vorgestellt hatte.

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Ich machte mich dann auf die Suche nach etwas Essbarem und fand das Buffet. Dort gab es diverse Mini-Sandwiches, die ungefähr so aussahen, wie Lounge-Sandwiches eben aussehen: klein, pflichtbewusst und mit der Aura von "ich wurde vorhin schon einmal skeptisch angeschaut".

Deutlich spannender war jedoch die marokkanische Ecke. Dort gab es Brathendl, wahlweise mit Couscous oder Reis, dazu Kichererbsen und eine scharfe Sauce. Bingo. Genau darauf hatte ich Lust. Kein filigranes Canapé mit emotionaler Distanz, sondern etwas Warmes, Würziges, Sättigendes. Nach Kairo, Bordkarten-Drama und Terminalwanderung fühlte sich das fast wie eine therapeutische Maßnahme an.

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Mangels Steckdosen im Außenbereich und angesichts unserer zunehmend dramatischen Akkustände mussten wir irgendwann wieder nach innen umziehen. Die digitale Lebensgrundlage wollte schließlich gesichert werden. Ohne Akku keine Kommunikation, keine Unterhaltung und im Zweifel auch keine Möglichkeit, sich über die Situation zu beschweren. Also existenziell.

Wir gingen einen Stock höher, wo die Lounge weniger dicht ausgelastet war. Dort fanden wir auch Tische mit Steckdosen. Ein kleiner Triumph. Man wird als Reisender bescheiden: Früher freute man sich über Champagner, heute über Strom.

Ansonsten bietet die Lounge Toiletten, Duschen, einen Spielraum für Kinder und einen Gebetsraum für Gläubige. Die Toiletten hatten allerdings eine besonders charmante Eigenart: Wenn man seinem Geschäft etwas zu lange nachging, ging einfach das Licht aus. Ein sehr direkter Hinweis der Architektur: "Bitte kommen Sie zum Abschluss." Ich bin mir nicht sicher, ob das als Energiesparmaßnahme gedacht war oder als sanfter moralischer Druck, aber britischer Humor hätte es nicht trockener inszenieren können.

Zur Selbstbedienung gab es in der Lounge fast nichts, abgesehen von einem kleinen Canapé- und Sandwichbuffet im oberen Stockwerk. Auch Getränke holte man sich an der Bar beim Bartender. Das ist grundsätzlich nicht schlimm, aber für die Flagship-Lounge einer aufstrebenden Fluggesellschaft wirkte es etwas unterambitioniert. Eher "wir haben da eine Bar, fragen Sie bitte freundlich" als "willkommen im Premium-Erlebnis unserer nationalen Airline".

Kurz vor Boardingzeit machten wir uns auf den Weg zum Gate. Dort stellte sich heraus, dass es sich um ein Busgate handelte. Natürlich. Die Tatsache, dass gefühlt 80 Prozent der Finger-Gates unbelegt waren, hatte offenbar keinerlei Einfluss auf die Entscheidung, uns per Bus zum Flugzeug zu schicken. Vielleicht wollte man uns einfach noch einmal die marokkanische Flughafenluft näherbringen. Oder die Busse mussten bewegt werden, damit sie nicht traurig werden.

Immerhin gab es für Business-Class-Passagiere separate Busse. Das klingt zunächst luxuriös, ist in der Praxis aber oft nur eine elegantere Form von Verwirrung auf Rädern.

Als wir am Gate ankamen, hatte das Boarding bereits begonnen. Durch das Fenster sahen wir den Business-Class-Bus gerade abfahren. Wunderbar. Der Moment, in dem man trotz Business Class wieder das Gefühl bekommt, als Letzter beim Schulausflug übrig geblieben zu sein.

Vor uns stand allerdings ein chinesischer Passagier, der das Spiel offenbar kannte. Er stieg nicht in den großen Bus ein, sondern wartete daneben in einer kleinen Bucht, vermutlich auf einen weiteren Business-Class-Bus. Das sah kompetent aus. Also taten wir das, was man auf Flughäfen in unklaren Situationen häufig tut: Wir folgten dem Menschen, der am sichersten wirkte.

Der zweite Bus kam tatsächlich. Allerdings blieb das Ganze leicht chaotisch, weil niemand klar sagte, welcher Bus zu welchem Flugzeug fährt. Direkt nebenan wurde ebenfalls geboardet, Busse standen herum, Menschen bewegten sich in verschiedene Richtungen, und irgendwo dazwischen versuchten wir, nicht aus Versehen in einem Flugzeug nach Nouakchott, Paris oder in ein Paralleluniversum zu landen.

Wir hielten uns weiter an den chinesischen Passagier. Eine weise Entscheidung. Am Ende landeten wir tatsächlich an unserem Flieger. Teamwork. Oder besser gesagt: betreutes Boarding durch stilles Folgen.

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Schon beim Blick auf das Flugzeug entdeckte ich voller Vorfreude eine Satellitenantenne auf dem Rumpf. Mein Gehirn machte sofort den völlig übereilten Sprung: Internet an Bord! Auf nach China mit Wi-Fi! Produktivität! Nachrichten! Vielleicht sogar ein bisschen unnötiges Scrollen über Zentralasien!

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Natürlich war das ein Trugschluss.

Entweder war die Antenne nur Dekoration, eine Tarnkappe oder ein architektonisches Placebo. Jedenfalls gab es kein Internet. Vielleicht war die Technik nie installiert, vielleicht war sie ausgeschaltet, vielleicht war sie nur da, um Menschen wie mich kurz glücklich zu machen und dann enttäuscht zurückzulassen. Ein sehr modernes Reiseerlebnis.

Auch dieser Flieger trug eine Sonderlackierung, diesmal der FIFA 2026 gewidmet: "Go Lions". Schön. Nett. Fotogen. Aber ganz ehrlich: Was kümmert mich die Lackierung, wenn ich die nächsten Stunden in diesem Flugzeug verbringen soll? Ein Flugzeug kann außen aussehen wie ein patriotisches Kunstprojekt - entscheidend ist, ob der Sitz bequem ist.

Und der Sitz war bequem.

Die Boeing 787-9 war mit einer 1-2-1 Reverse-Herringbone-Konfiguration ausgestattet. Jeder hatte direkten Zugang zum Gang, Privatsphäre war vorhanden, und der erste Eindruck war deutlich angenehmer als im vorherigen Recliner von Kairo nach Casablanca. Ein Lob an die Sitzdesigner: Endlich eine Sitzbedienung, die man nicht versehentlich mit dem Ellenbogen auslöst. Eine Kleinigkeit, aber wer schon einmal mitten im Essen unfreiwillig in die Liegeposition gefahren ist, weiß solche Dinge zu schätzen.

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An Bord gab es wieder einen Pre-Departure Drink und ein weiteres identisches Amenity Kit. Wieder mit den angenehm duftenden marokkanischen Pflegeprodukten. Ich war also inzwischen bestens ausgestattet, um nicht nur nach Peking zu fliegen, sondern unterwegs auch mehrfach mein Gesicht mit Zitrusnote zu benebeln. Man nimmt, was man bekommt.

Entspannt ließ ich mich in meinen Sitz nieder. Nach Cairo-Immigration, Bordkarten-Drama, Lounge-Schnitzeljagd, Busgate-Lotterie und Internet-Illusion fühlte sich dieser Moment fast unwirklich ruhig an.

Ich wartete auf "Boarding completed", den Pushback und den Abflug Richtung China.

Für einen kurzen Augenblick sah alles danach aus, als würde nun einfach ein normaler Langstreckenflug beginnen.

Was natürlich verdächtig war ...
 

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oliver2002

Indernett Flyertalker
09.03.2009
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MUC
www.oliver2002.com
Einschlägige Threads auf Flyertalk belehren eigentlich den geneigten Leser das man für Ägypten druckfrische US$ (meistens von der letzten USA Reise) bereit halten sollte. Dann geht es mit dem Visum ganz fix: 30$ über den Tresen, Aufkleber auf eine Seite im Pass.
Das mit dem Sixt Ride und London Black Cab ist uralt. Sixt ride vermittelt nur die. Eine Zeitlang haben die aber nochmals Geld kassiert das ich mir dann von Sixt wiederholen musste. Seitdem wird in Cairo nur noch mit Rideshare Apps gebucht.

Warum hast Du dich nicht bei BAC für 99€ auf Gold matchen lassen?
 

f0zzyNUE

Erfahrenes Mitglied
08.03.2009
9.600
4.248
Das mit dem Sixt Ride und London Black Cab ist uralt. Sixt ride vermittelt nur die. Eine Zeitlang haben die aber nochmals Geld kassiert das ich mir dann von Sixt wiederholen musste. Seitdem wird in Cairo nur noch mit Rideshare Apps gebucht.

Warum hast Du dich nicht bei BAC für 99€ auf Gold matchen lassen?
Sixt Ride hatte ich nur gebucht, weil die Fahrt dann kostenlos war - Bei Sixt Ride in Kuala Lumpur war es eine ähnliche Erfahrung - es kamen nie die avisierten Fahrer mit den Autos und den avisierten Kennzeichen. Das macht ein Erkennen des Autos/Fahrers natürlich extra schwer.

BA match hat mich nicht interessiert, da es seit der programmänderung kaum möglich ist sich dort zu requalifizieren. Wo gab es denn den für 99€?
 

tyrolean

Erfahrenes Mitglied
18.03.2009
6.451
2.392
Bayern & Tirol
Super Bericht! Danke!

In Ägypten kann man, wenn man ganze Flieger Chartert eine "Grenzkontrolle im Flugzeug" bestellen. Man bezahlt die Reisekosten eines Grenzers und der kontrolliert und stempelt dann die Pässe. Das ist super Bequem, weil man dann domestic ankommt und sich das Chaos gleich spart. Nur wurden bei der Tour mir kein Visums-Aufkleber in den Pass geklebt. Ich habe die Tour dann noch verlängert und wollte normal ausreisen. In CAI wurde ich fast verhaftet, weil ich keinen Visums-Aufkleber (und kein E-Visum) hatte. Das ganze war wie ein schlechtes Arcade Spiel: Bei jeder Kontrolle Diskussiionen, angeschrien werden, Unterwürfigkeit. Dann hat es der Kontrolletti geschnallt und man durfte das nächste Level beim nächsten Kontroletti spielen - bis zur letzten Bordkartenkontrolle vor dem Einsteigen. Und dann noch Egypt Air ohne Alkohol an Bord. Das ganze war schon eine Zeit her, aber ich habe seit dem um CAI einen Bogen gemacht.
 

f0zzyNUE

Erfahrenes Mitglied
08.03.2009
9.600
4.248
Casablanca - Peking Daxing
Oder: Wie man in 35.000 Fuß Höhe sehr gut isst, halbwegs gut schläft und dann am Ende seinen Reisebegleiter verliert

Das Wichtigste auf einem Langstreckenflug über Nacht ist ein bequemer Sitz, der sich in ein noch bequemeres Bett verwandeln lässt. Alles andere ist im Grunde Beiwerk. Amenity Kit, Catering, Service, Entertainment, Champagner, Gesichtsspray mit Zitrusduft - alles nett, alles willkommen, aber wenn der Sitz am Ende eher Streckbank als Bett ist, hilft auch der beste marokkanische Lippenbalsam nicht mehr viel.

Unsere Sitze waren 1D und 1E, also die beiden Mittelsitze in der ersten Reihe. Der erste Eindruck war positiv. Sehr positiv sogar. Viele kleine Fächer zum Verstauen von Kleinkram, Schuhen, Handy, Brille, Amenity Kit und sonstigen Gegenständen, die man während eines Nachtflugs entweder braucht, verliert oder panisch sucht, obwohl sie direkt vor einem liegen.

Meinen Rucksack mit allen Wertgegenständen konnte ich unter der Fußablage verstauen. Das fand ich besonders beruhigend, denn man hört ja immer wieder Horrorgeschichten von Diebstählen an Bord, speziell auf Asien-Strecken. Ob das nun urbane Vielfliegerlegende oder reale Gefahr ist, sei dahingestellt - aber nachdem meine Geldtasche ohnehin zu Hause geblieben war, wollte ich meine verbleibenden Habseligkeiten nicht auch noch einem nächtlichen Langstrecken-Gollum überlassen. Der Rucksack lag also unter der Fußablage wie die Kronjuwelen. Nur mit mehr Ladekabeln.

flysurfer fand den Sitz ebenfalls klasse und wirkte fast ein wenig betrübt, dass er auf dem Rückflug mit Lufthansa in einer alten 2-2-2-Füßel-Konfiguration zurück nach München fliegen würde und nicht noch einmal mit Royal Air Maroc. Man muss sich das vorstellen: Ein Mensch sitzt in einer modernen 1-2-1-Reverse-Herringbone-Business-Class und denkt an die Lufthansa-Altlasten, die vor ihm liegen. Das ist wie ein sehr schöner Restaurantbesuch, während man weiß, dass zu Hause noch eine Tiefkühlpizza mit Gefrierbrand wartet.

Er wollte auf dem Rückflug den Abstecher nach Kairo vermeiden, den ich ja ohnehin skippen wollte. Vermutlich ist bei der Informationsübermittlung irgendwo ein kleines Kabel locker gewesen. Oder wir hatten beide dieselbe Reise geplant, nur in zwei verschiedenen Paralleluniversen.

Als Pre-Departure Drink wurden wieder Säfte oder Wasser gereicht. Mir war erneut nach der marokkanischen Limonade. Sehr erfrischend, angenehm minzig und deutlich besser als vieles, was sonst unter "Signature Drink" firmiert und am Ende schmeckt wie Fruchtsaft, der eine Wellness-Ausbildung abgebrochen hat.

Kurz darauf wurde das Menü verteilt, und wenig später nahm die Crew bereits die Bestellung auf. Da ich kein großer Freund von Frühstück im Flugzeug bin - insbesondere nicht von diesen traurigen Omeletts, die aussehen, als hätten sie schon selbst genug vom Reisen - war ich positiv überrascht, dass vor der Landung kein klassischer Frühstücksservice, sondern ein Snackservice vorgesehen war. Sehr vernünftig. Ein klarer Punkt für Royal Air Maroc und gegen das internationale Bordfrühstückskartell.

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Ebenfalls positiv fiel auf: Obwohl Marokko ein islamisch geprägtes Land ist, gab es eine ordentliche Weinkarte inklusive Champagner. Royal Air Maroc scheint die Sache mit dem Feuerwasser also angenehm pragmatisch zu handhaben. Sehr zivilisiert. Sehr willkommen. Sehr "wir sind hier schließlich in der Business Class und nicht auf einem Askese-Seminar".

Royal Air Maroc hat offenbar auch massiv in seine E-Mail-Technologie investiert. Bereits Tage vor dem Abflug bekam ich täglich neue Info-Mails zu den Flügen. Wirklich täglich. Man fühlte sich fast betreut. Oder verfolgt. Je nach Akkustand und mentaler Verfassung.

Unter anderem kam auch eine Einladung zur Vorauswahl meines Hauptgangs für den Flug. Bis heute frage ich mich allerdings, ob diese Vorabwahl irgendeine Auswirkung hatte. An Bord wusste davon jedenfalls niemand etwas, und die Bestellung wurde ganz normal aufgenommen. Vielleicht wurde meine Auswahl irgendwo in einem System gespeichert, liebevoll ignoriert und dann feierlich archiviert. Digitaler Fortschritt eben.

Ähnlich hilfreich war die Einladung zum Online-Check-in ab Kairo. Diese E-Mail hätte man sich im Nachhinein besser gespart - oder zumindest mit einem nützlichen Hinweis versehen können. Zum Beispiel: "Achtung, in Kairo benötigen Sie trotz Online-Check-in eine echte, von der Airline gedruckte Bordkarte, sonst dürfen Sie an der Immigration ein kleines Herzinfarkt-Seminar besuchen." Aber gut, E-Mail-Versand kostet ja kein Porto. Warum also nicht einfach alles verschicken und schauen, was passiert?

Relativ zügig nach dem Start begann der Essensservice. Zunächst gab es ein Getränk und zwei kleine Snackbeutel: Salzmandeln und sehr leckere Olivenkekse. Danach folgten ein heißes Tuch und ein Gruß aus der Küche. Und der war richtig gut. Nicht nur "für Flugzeugessen gut", sondern tatsächlich lecker. Ein seltener Moment, in dem man kurz innehält und denkt: Moment, hat hier jemand an Bord tatsächlich gekocht und nicht nur Komponenten aus einer Plastikschale befreit?

Danach wurde das Tischtuch verteilt und die Vorspeise serviert. Ich entschied mich für die Peking Chicken Blinis mit Salat, Rettich und Pilzen. flysurfer wählte die marokkanische Harira-Suppe mit Dattel. Beides machte einen guten Eindruck, wobei ich bei meiner Wahl natürlich besonders schmunzeln musste: Auf dem Weg nach Peking schon einmal Peking Chicken zu essen, ist entweder thematisch konsequent oder kulinarisch sehr billig zu haben. Ich nahm es als gutes Omen.

Ein weiteres Rätsel bleibt allerdings die Brotausgabe zur Vorspeise. Dieses Phänomen gibt es bei erstaunlich vielen Airlines: Die Vorspeise steht bereits auf dem Tisch, die ersten Reihen sind gedanklich schon beim Hauptgang, und irgendwo weit hinten im Gang beginnt dann feierlich die Brotprozession. Es ist, als müsste das Brot erst noch diplomatisch akkreditiert werden, bevor es den Teller erreichen darf.

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Immerhin wurden die Getränke regelmäßig nachgeschenkt. Und das ist ja, seien wir ehrlich, ein nicht ganz unwesentlicher Teil des Business-Class-Erlebnisses. Hydration, aber bitte mit Auswahl.

Als Hauptgang hatten wir beide das Lamm gewählt. Eine vorzügliche Entscheidung. Das Fleisch war superzart, saftig und geschmacklich wirklich gelungen. Kein trockenes Bordküchen-Drama, kein zäher Proteinblock mit Sauce als Entschuldigung, sondern tatsächlich ein sehr guter Hauptgang. Royal Air Maroc sammelte hier eindeutig Punkte.

Beim Nachtisch haben wir dann noch einmal richtig zugeschlagen und sowohl die Käseplatte als auch etwas Süßes bestellt. Man muss auf Langstrecke Prioritäten setzen. Schlaf ist wichtig, aber Käse ist auch wichtig.

Zum Käse wurde erneut Brot gereicht, damit er sich im Mund nicht so alleine fühlt. Ein sehr fürsorglicher Gedanke. Die süßen Desserts waren dann allerdings das eigentliche Highlight des gesamten Essens. Beide waren himmlisch. Wirklich sehr, sehr gut. Einer dieser Momente, in denen man satt ist, eigentlich nicht mehr weiteressen sollte, aber dann doch noch "nur probiert" und plötzlich feststellt, dass der Löffel schon wieder leer ist. Tragisch.

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Als wir schließlich pappsatt waren und bereits überlegten, ob es möglich ist, in Sitz 1D diskret in ein kleines Food-Koma zu gleiten, kam noch der Tee-Gang: marokkanischer Minztee und ein Teller mit marokkanischem Gebäck. Sehr schön präsentiert, sehr passend, sehr kulturell. Leider war das Gebäck für unseren Geschmack etwas trocken - und wir waren schlicht zu voll. Irgendwann ist auch der ambitionierteste Vielflieger nur noch ein müder Mensch mit Käse im System.

Ungefähr eineinhalb Stunden nach Abflug war das Dinner bereits beendet. Das ist bemerkenswert. Bei manch anderer Airline startet in diesem Zeitfenster gerade einmal die Diskussion, ob man lieber Huhn oder Pasta möchte, während vorne noch der erste Getränkewagen liebevoll blockiert wird. Hier war das Essen zügig, effizient und trotzdem nicht gehetzt. Klarer Punkt für Royal Air Maroc.

Im Anschluss entschied ich mich, den Sitz in Liegeposition zu bringen und ein Nickerchen zu machen. Der Sitz ließ sich angenehm in ein Bett verwandeln, die Privatsphäre war gut, der Rucksack lag sicher unter der Fußablage, und meine AirPods Pro waren einsatzbereit. Noise Cancelling an, Welt aus. So zumindest der Plan.

Natürlich brauchte ich trotz Noise Cancelling ungefähr zwei Stunden, um einzuschlafen. Der Körper ist ein faszinierendes Instrument: Man kann ihn tagelang durch Flughäfen, Visa-Chaos, Bordkartenpanik, Lounges, Busgates und Fanta-Experimente treiben - aber sobald er endlich schlafen darf, sagt er: "Jetzt? Nein, danke. Lass uns lieber noch ein bisschen über völlig irrelevante Dinge nachdenken."

Irgendwann klappte es dann aber doch. Und dann habe ich tatsächlich gute sechs bis sieben Stunden ordentlich geruht. Für einen Nachtflug Richtung Osten ist das ein kleines Wunder. Fast schon verdächtig.

Etwa vier Stunden vor der Landung wachte ich wieder auf. Es war ungefähr 07:30 Uhr Pekinger Zeit. Ich fühlte mich erstaunlich sortiert und war überzeugt, den Jetlag elegant ausgetrickst zu haben. Eine kühne Annahme, wie man sie gerne trifft, bevor die innere Uhr einige Stunden später eventuell eine formelle Beschwerde einreicht.

flysurfer hatte in der Zwischenzeit deutlich weniger Glück. Er konnte kaum schlafen und verbrachte die Nacht damit, Videos auf seinem iPad anzuschauen. Ob das eine empfehlenswerte Strategie gegen Jetlag ist, weiß ich nicht. Vermutlich eher nicht. Andererseits hatte er immerhin Unterhaltung, während ich mich in meiner Reverse-Herringbone-Kapsel mit AirPods und Selbstüberschätzung auf Peking vorbereitete.

Ich für meinen Teil war jedenfalls überzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Gute Schlafphase, halbwegs passende Zeitumstellung, kein klassisches Bordfrühstück in Sicht - was sollte jetzt noch schiefgehen? Wieder eine dieser Fragen, die man auf Reisen besser nicht stellt.

Etwa zwei Stunden vor Landung kam dann der Snackservice. Statt Frühstück gab es ein Beef-Käse-Sandwich, dazu noch einen weiteren leckeren Käseteller und einen Joghurt mit marokkanischen Gewürzen und Rosinen. Für mich war das ideal. Kein traurig dampfendes Omelett, kein Croissant mit struktureller Krise, sondern ein herzhafter Snack, der genau richtig passte.

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Der Joghurt war ebenfalls interessant und deutlich spannender als der Standard-Bordjoghurt, der sonst oft so wirkt, als sei er nur anwesend, weil auf dem Tablett noch Platz war. Die marokkanischen Gewürze und Rosinen machten daraus tatsächlich etwas Eigenständiges. Royal Air Maroc schien kulinarisch wirklich einen Plan zu haben. Oder zumindest jemanden in der Catering-Abteilung, der nicht völlig innerlich gekündigt hatte.

Die letzte Zeit bis zur Landung zog sich dann allerdings ewig. Dieses Phänomen kennt man: Man ist ausgeschlafen genug, um nicht mehr weiterzuschlafen, aber noch nicht angekommen genug, um irgendetwas Sinnvolles zu tun. Man schaut auf die Karte, sieht das Flugzeug langsam über China kriechen, kontrolliert zum zwanzigsten Mal die verbleibende Flugzeit und fragt sich, warum die letzten 90 Minuten eines Langstreckenflugs grundsätzlich länger dauern als der gesamte Rest der Reise.

Immerhin landeten wir etwas früher als geplant. Nach dieser Reise war jede Form von "früher als geplant" willkommen, solange sie nicht bedeutete: "Sie sind zu früh für Ihr Visum, bitte stellen Sie sich dort hinten an."

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Nach kurzer Rollzeit auf dem relativ neuen Hauptstadtflughafen Peking Daxing dockten wir am Gate an. Die Tür wurde schnell geöffnet, und noch bevor ich innerlich vollständig von "Langstreckenmodus" auf "Einreise China" umgeschaltet hatte, passierte es:

flysurfer stürmte aus dem Flugzeug.

Nicht "ging zügig". Nicht "machte sich auf den Weg". Nein, er schritt im Eiltempo Richtung Immigration, als hätte jemand am anderen Ende des Terminals den letzten Fast-Track-Pass der Menschheit ausgelegt.

Ich stand da noch mit meinen Sachen, meinem Rucksack, meinen AirPods, meiner weiterhin nicht vorhandenen Geldtasche und dachte nur:

Hallo? Ich bin auch noch da.

Aber flysurfer war bereits im Modus "Einreise zuerst, soziale Bindungen später". Vielleicht war es der Schlafmangel. Vielleicht der Jetlag. Vielleicht auch einfach der natürliche Überlebensinstinkt eines Vielfliegers, der weiß, dass Immigration-Schlangen schneller eskalieren können als ägyptische Bankschalter.

Und so begann unser China-Abenteuer mit einem kleinen zwischenmenschlichen Cliffhanger.

Ob und wo ich flysurfer wiedergefunden habe, erfahrt ihr in der nächsten Episode.

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f0zzyNUE

Erfahrenes Mitglied
08.03.2009
9.600
4.248
Ankunft in Peking Daxing
Oder: Computer says no, China says welcome, und die Schranke sagt MÖÖÖP

Da ich es ja nicht eilig hatte und mir dachte, dass flysurfer irgendwann schon auffallen würde, dass ihm sein Reisebegleiter abhandengekommen war, schlenderte ich entspannt dem Exit entgegen. Also zumindest so entspannt, wie man nach einem Nachtflug, ohne Geldtasche, aber mit erstaunlich viel Vertrauen in digitale Zahlungsmittel eben schlendern kann.

Dabei hatte ich endlich Zeit, den neuen Flughafen Peking Daxing zu bewundern. Ein beeindruckender Bau, als One Terminal konzipiert, großzügig, modern und architektonisch sehr "wir haben Platz und möchten, dass man es merkt". Auch hier funktionierten sämtliche Laufbänder einwandfrei. Nach manchen deutschen Flughäfen fühlt sich das fast wie schwarze Magie an. Man stellt sich auf ein Laufband - und es läuft. Revolutionär.

Irgendwann kam eine Abzweigung nach links in einen längeren Gang. Nach etwa 20 Metern sah ich rechts einen Raum mit der großen Beschriftung "Fingerprint Scanner". Und dort fand ich dann auch flysurfer wieder. Nicht etwa am Ende einer epischen Wiedervereinigungsszene mit dramatischer Musik, sondern vor einem Automaten, der sich offenbar standhaft weigerte, seinen Pass zu akzeptieren.

Er versuchte verzweifelt, den Pass zu scannen, damit der Fingerprint-Prozess starten konnte.

Der Automat hingegen war anderer Meinung.

Computer says no.

Mit einer gewissen mitleidigen Überheblichkeit meinte ich natürlich, ich könne das besser. Schließlich bin ich erfahrener Vielflieger, digital halbwegs überlebensfähig und hatte bereits ägyptische Bankschalter, Royal-Air-Maroc-Bordkarten und Sixt-Ride-London-Taxis überstanden. Was sollte ein chinesischer Fingerprint-Automat schon gegen mich ausrichten?

Ich legte also meinen Pass am Automaten daneben auf.

Nichts.

Tja. Karma is a bitch.

Der Automat wollte meinen Pass genauso wenig wie den von flysurfer. Ich stand also kurz darauf mit exakt derselben Ratlosigkeit da, die ich wenige Sekunden vorher noch milde belächelt hatte. Sehr würdevoll. Sehr souverän. Sehr "Reiseprofi".

Was nun? flysurfer witzelte bereits, dass wir vermutlich direkt wieder zurückfliegen müssten. Ehrlich gesagt: Nach Kairo hätte ich es dem Universum fast zugetraut.

Ich probierte weitere Automaten. Nummer zwei: nein. Nummer drei: ebenfalls nein. Nummer vier schließlich hatte offenbar Mitleid oder einfach bessere Laune. Pass rein, Scan, grünes Licht, Papierbeleg gedruckt. Interessanterweise musste ich gar keine Fingerabdrücke abgeben. Vielleicht lag es daran, dass ich vor ein paar Jahren schon einmal in Chengdu war und meine Fingerabdrücke bereits im System lagen. Oder der Automat dachte sich: "Ach, der sieht schon müde genug aus, lassen wir ihn durch."

flysurfer fand inzwischen ebenfalls einen willigen Automaten, scannte seine Fingerabdrücke und erhielt schließlich stolz seinen Ausdruck. Ein kleines Stück Papier, aber emotional irgendwo zwischen Visum, Ritterschlag und "du darfst weiter zur nächsten Schlange".

Hatte ich China etwa zu früh gelobt? Gibt es dort tatsächlich auch Dinge, die nicht sofort perfekt funktionieren? Oder waren wir einfach nur zu doof, die Automaten korrekt zu bedienen?

In Deutschland wäre es zu diesem Zeitpunkt halb fünf morgens gewesen. Und um halb fünf bin ich normalerweise noch nicht auf Betriebstemperatur. Ich würde also Letzteres nicht komplett ausschließen.

Die Schlange an der Immigration war erfreulich kurz, und die Einreise selbst war dann schnell erledigt. Pass, Blick, Stempel beziehungsweise Eintrag, fertig. Danach mussten nur noch unsere Koffer beim Zoll durch den Röntgenapparat, und zack: Wir waren in China.

Und China ließ uns sofort wissen, dass China uns ebenfalls gesehen hatte.

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Unübersehbar beobachteten uns ab diesem Moment Kameras aus allen möglichen Richtungen und Blickwinkeln. Decke, Wand, Ecke, Gang, vermutlich auch aus der Zimmerpflanze, falls irgendwo eine stand. Bei der Menge an Kameras fragte man sich unweigerlich, ob die wirklich alle Daten erfassen und auswerten oder ob ein Teil davon nur als psychologisches Bühnenbild dient. Andererseits: Wir waren in China. Vielleicht ist beides richtig.

Auch die Polizeipräsenz im Terminal war nicht gerade subtil. Grün uniformierte Militärpolizisten marschierten im Doppelpack durch das Gebäude, im Gleichschritt, mit hundertprozentig synchronen Bewegungen. Es war beeindruckend und gleichzeitig leicht beunruhigend. Eine Mischung aus Staatsmacht, Choreografie und sehr deutlicher Willkommensbotschaft.

Dem China-Touristen wird damit sofort vermittelt:
Hier herrscht Recht und Ordnung.
Wir haben dich im Blick.
Mach keine dummen Sachen.
Und nein, auch nicht die kleinen.

Nach dieser sehr sanften Einführung in das Thema "öffentliche Ordnung mit HD-Überwachung" wartete die nächste Challenge: der Fahrkartenautomat für den Expresszug in die Stadt.

Google Maps funktionierte nicht wirklich, weshalb ich mir bereits AMap heruntergeladen hatte, das chinesische Pendant, das auch Verbindungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln ausspuckt. Unser Plan war relativ einfach: Mit dem Expresszug bis Caoqiao, dort in die U-Bahn-Linie 10 umsteigen - die Ringlinie - und dann weiter Richtung Tuanjiehu, von wo aus unser Hotel, das InterContinental Beijing Sanlitun, nur etwa sieben Minuten entfernt sein sollte.

Einfacher Plan. Also automatisch verdächtig.

Am Automaten suchte ich zuerst die Sprachumschaltung auf Englisch. Die fand ich, und danach war es zunächst auch erstaunlich logisch. Zwei Tickets nach Caoqiao, First Class, jeweils 50 CNY, also etwa 6,50€. Bis dahin fühlte ich mich kurz wie jemand, der das System verstanden hatte.

Dann kam WeChat.

Apple Pay ging natürlich nicht. Warum sollte es auch? Es wäre ja schade gewesen, wenn man als westlicher Besucher direkt nach der Einreise einfach nahtlos bezahlen könnte. Also musste WeChat ran.

Grundsätzlich finde ich asiatische Apps und Websites oft etwas speziell. Nicht schlecht, nur eben gebaut nach einer Logik, bei der mein westliches Gehirn regelmäßig leise Windows-XP-Fehlergeräusche macht. Zu viele Menüpunkte, zu viele Untermenüs, zu viele kleine Icons, von denen jedes aussieht, als könnte es entweder bezahlen, scannen, chatten, ein Taxi rufen oder meine Steuererklärung einreichen.

Ich suchte also in WeChat nach dem Menüpunkt zum Scannen des QR-Codes. Der Automat wartete. flysurfer wartete. China wartete vermutlich auch, allerdings mit Kameras.

Als ich die Option endlich fand, war der Automat natürlich längst wieder im Ausgangszustand. Wir hatten zu lange gebraucht. Sehr gut. Erste Runde verloren. Der Automat 1, Europa 0.

Also nochmal von vorne: Zwei Tickets First Class nach Caoqiao, jeweils 50 CNY, QR-Code scannen, bestätigen - und siehe da, der Automat spuckte tatsächlich zwei Plastikkärtchen mit NFC-Chip aus.

Ein Erfolg. Ein kleiner, aber nach all dem Chaos durchaus emotionaler Erfolg. Ich hätte fast applaudiert, wollte aber die Kameras nicht irritieren.

Markierungen am Boden führten uns direkt zum separaten First-Class-Eingang. Sehr angenehm. Dort wartete allerdings direkt die nächste Sicherheitsschleuse. Gepäck durchleuchten, selbst durch den Metalldetektor. Das scheint in China bei U-Bahn- und Bahnstationen völlig normal zu sein. Kann man mit leben. Man gewöhnt sich schnell daran, dass selbst eine simple Bahnfahrt erst einmal ein kleines Flughafen-Vorspiel bekommt.

Dann stand ich vor der Schranke.

Mit meinem frisch erkämpften Ticket.

Und legte es natürlich an die falsche Stelle.

Die Schranke blieb zu. Ich versuchte es nochmal. Wieder falsch. Man steht dann da wie ein Kleinkind vor einem modernen Toaster: Man weiß grundsätzlich, wofür das Ding da ist, aber die Bedienung entzieht sich einem gerade vollständig.

Zum Glück zeigte mir eine freundliche Security-Beamtin die richtige Stelle. Zack, Schranke offen. So fühlt man sich subtil in die Kindheit zurückversetzt, wo jeder einfache Prozess erst einmal erklärt werden muss. "Hier hält man das Kärtchen dran. Sehr gut. Jetzt darfst du durch." Ich war kurz davor, mich für den nächsten Entwicklungsschritt loben zu lassen.

Die Bahn selbst war sauber, schnell und angenehm. Nach etwa 20 Minuten waren wir bereits in Caoqiao. Bis hierhin lief es erstaunlich gut. Fast zu gut.

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Dann hieß es: Linien wechseln.

Und wieder stand ich vor einer Schranke. Dieses Mal offensichtlich am Ausgang des Expresszug-Bereichs. Ich dachte also: Kein Problem, Ticket wieder an die NFC-Fläche halten, so wie vorhin gelernt. Ich bin ja inzwischen praktisch Experte.

Ich hielt das Ticket an die Fläche.

MÖÖÖP.

Die Schranke sagte sehr deutlich: Du kommst hier net raus.

Ich versuchte es nochmal.

MÖÖÖP.

Wunderbar. Nach nur 20 Minuten in China hatte ich bereits einen persönlichen Konflikt mit einer Schranke aufgebaut.

Wir standen ziemlich bedeppert da und versuchten herauszufinden, wie man aus dieser Station herauskommt, um zur U-Bahn zu wechseln. Die Leute hinter uns müssen gedacht haben: Was sind das denn für zwei exportierte Deppen? Wahrscheinlich standen wir dort mit exakt diesem Gesichtsausdruck, den Touristen überall auf der Welt haben, wenn sie ein eigentlich simples Nahverkehrssystem zum ersten Mal beleidigt.

Während meiner tiefsten Grübelphase sah ich dann einen anderen Passagier. Er hielt seine Karte nicht an die NFC-Fläche, sondern steckte sie in einen kleinen Schlitz weit unterhalb der Scanflächen.

Aha.

Das Rätsel war gelöst.

Wie sich später herausstellen sollte, hätten wir einfach nur die Anleitung auf der Karte lesen müssen. Dort stand nämlich klar, dass One-Time-Tickets am Ziel in den Schlitz gesteckt werden müssen. Gut. Lesen ist halt überbewertet. Vor allem um halb fünf morgens deutscher Körperzeit, nach einem Nachtflug und mit leichter Restwürde.

Für die Linie 10 brauchten wir anschließend neue Karten. Die Automaten kannten wir nun schon, also lief das fast schon routiniert. Fast. Es ist erstaunlich, wie schnell man sich nach zwei Fehlversuchen und einem öffentlichen MÖÖÖP als Nahverkehrsprofi fühlt.

Die Fahrt mit der Linie 10 dauerte dann etwa 45 Minuten bis Tuanjiehu. Unser Hotel, das InterContinental Beijing Sanlitun, sollte von dort nur rund sieben Minuten entfernt sein. Das klang machbar. Und nach den bisherigen Etappen war "sieben Minuten zu Fuß" ungefähr die luxuriöseste Reiseform, die man sich vorstellen konnte.

Beim Verlassen der U-Bahn-Station kam dann der erste echte Beijing-Moment.

Ich trat nach draußen und dachte nur:
Oha. Ist das grün hier.

So viele Bäume. So viel Ruhe. Und das, obwohl direkt neben uns eine stark befahrene Straße lag und auf der separaten Scooter- und Fahrradspur ständig Zweiräder in beide Richtungen an uns vorbeizischten. Es war belebt, aber nicht laut. Großstädtisch, aber nicht aggressiv. Irgendwie organisiert, aber nicht steril.

Ganz anders, als ich es erwartet hatte.

Nach dem Flug über Casablanca, dem Fingerprint-Automaten-Ballett, der Kamera-Galerie, dem WeChat-Endgegner und der Schranke mit Charakterfehler standen wir also endlich in Peking.

Ohne Geldtasche.
Mit funktionierenden Tickets.
Mit leicht beschädigtem Stolz.
Aber immerhin auf dem richtigen Kontinent.

Und das InterContinental war nur noch ein paar Minuten entfernt.

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f0zzyNUE

Erfahrenes Mitglied
08.03.2009
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4.248
Ankunft im InterContinental Beijing Sanlitun
Oder: Apple Pay funktioniert, die Suite ist fertig und China macht kurz einen auf "alles wird gut"

Im InterContinental Beijing Sanlitun gab es dann erst einmal Aufatmen hoch zwei.

Erstens war unsere Junior Suite bereits verfügbar. Nach Nachtflug, Fingerprint-Automaten-Lotterie, Immigration, Zoll, Expresszug, U-Bahn und dem ersten chinesischen Schranken-"MÖÖÖP" war das ungefähr die beste Nachricht seit der Erfindung des direkten Gangzugangs in der Business Class.

Zweitens funktionierte Apple Pay für die Zimmerrechnung. Ein nahezu emotionaler Moment. Ich stand ohne Geldtasche, ohne physische Kreditkarten, aber mit sehr viel Hoffnung an der Rezeption - und China sagte: "Heute ausnahmsweise ja."

Wie sich später herausstellen sollte, war das allerdings auch so ziemlich die einzige Gelegenheit, bei der Apple Pay akzeptiert wurde. Danach war wieder Schluss mit westlicher Bequemlichkeit. Es war, als hätte das Hotel kurz Mitleid mit mir gehabt und gesagt: "Na gut, der arme Europäer darf einmal zahlen, bevor er wieder in die WeChat-Wildnis entlassen wird."

Unsere Junior Suite im 16. Stock machte einen sehr guten ersten Eindruck. King-Size-Bett, Couch, Schreibtisch, separate Toilette, großes Badezimmer mit riesiger Badewanne und Dusche. Alles großzügig, modern und angenehm. Genau das, was man nach einer Reise braucht, bei der mehrere technische Systeme, ein ägyptischer Bankschalter und ein marokkanisches Online-Boarding-Dokument bereits versucht hatten, einen mental zu brechen.

Die Softdrinks in der Minibar waren kostenfrei, einmal täglich aufgefüllt. Sehr erfreulich. Besonders, wenn man ohne Geldtasche reist und kostenlose Getränke plötzlich nicht mehr nur nett, sondern fast schon strategisch wichtig sind.

Nur ein Kleiderschrank fehlte irgendwie. Es gab lediglich eine Kleiderstange mit ein paar Bügeln. Vielleicht war der eigentliche Kleiderschrank auch irgendwo raffiniert versteckt und wir waren nur zu übermüdet, ihn zu finden. Nach unserer Performance am Fahrkartenautomaten in Caoqiao würde ich das nicht kategorisch ausschließen. Andererseits wirkte es schon ein bisschen nach "Premium Suite, aber Garderobe von Ibis Budget". Sehr minimalistisch. Sehr mutig. Sehr: "Ihre Kleidung wollte doch sowieso lieber im Koffer bleiben."

Auf dem Schreibtisch warteten ein Obstteller, eine Flasche VOSS Wasser aus Norwegen und eine Box mit chinesischen Süßigkeiten auf uns. Dazu lag dort eine Schachtel mit Lineal, Leuchtstift und Post-its. Praktisch, falls man spontan ein kleines Meeting, eine Geiselnahmeverhandlung oder eine Excel-basierte Statusmeilen-Analyse durchführen möchte.

Daneben lag ein Hinweiszettel, dass diverse Webseiten nicht erreichbar seien: Facebook, Instagram, Twitter und die üblichen Verdächtigen. Natürlich war das keine große Überraschung. Die Great Firewall of China ist ja ungefähr so bekannt wie die Great Wall of China, nur mit weniger Selfie-Potenzial und mehr Frustration.

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Mein NordVPN funktionierte nicht. ExpressVPN ebenfalls nicht. Zwei Schwergewichte der digitalen Umgehungsstrategie lagen also am Boden wie britische Sommerpläne nach dem ersten Regenschauer. Glücklicherweise hatte ich noch eine eSIM mit richtig viel Datenvolumen, über die sich die Great Firewall umgehen ließ. Nicht zu verwechseln mit der Great Wall, bei der man zwar auch nicht einfach durchkommt, aber wenigstens schönere Fotos machen kann.

Nach einer erfrischenden Dusche war dann Entdecken angesagt. Zuerst ging es hoch in die Lounge im 22. Stock, die gerade ein beeindruckendes Buffet zum Afternoon Tea präsentierte. Und weil wir natürlich völlig vernünftige Menschen sind, die gerade erst von einem Langstreckenflug mit Dinner, Dessert, Käse und Snackservice kamen, schauten wir uns das Buffet selbstverständlich nicht nur an. Man muss schließlich prüfen, ob die Qualität stimmt. Für den Bericht. Rein journalistisch.

Beim Afternoon Tea machten wir außerdem Bekanntschaft mit Ten, einem US-Bürger malaysischer Herkunft. Anfangs war die Unterhaltung tatsächlich nett. Er interessierte sich für unsere Vielfliegertricks, fragte nach Routings, Statusprogrammen und wie man es schafft, mit möglichst viel mathematischem Aufwand möglichst elegant um die halbe Welt zu fliegen. Kurz gesagt: Wir wurden für einen Moment zu reisenden Unternehmensberatern für fragwürdige Flugentscheidungen.

Leider nahm das Gespräch dann eine dieser Kurven, bei denen man innerlich schon sieht, wie sich am Horizont dunkle Wolken bilden. Aus Vielfliegerstatus wurde plötzlich Weltpolitik, und aus harmlosem Lounge-Talk eine recht stramme Präsentation trumpistischer Ansichten. Ich merkte, wie mein innerer Brite die Teetasse abstellte, eine Augenbraue hob und leise "Oh dear" murmelte.

Ich war kurz davor aufzustehen und mich höflich, aber bestimmt in Richtung eines sehr dringenden Termins am Käsebuffet zu verabschieden. Glücklicherweise bemerkte Ten offenbar selbst, dass wir gedanklich nicht ganz im selben Flugzeug saßen - oder zumindest nicht in derselben Reiseklasse - und verkrümelte sich rechtzeitig von alleine.

Solche Gesprächspartner versuche ich im Urlaub grundsätzlich zu meiden. Vielleicht sogar unbekannte Gesprächspartner generell. Das klingt erst einmal etwas traurig, denn natürlich könnte man auf Reisen interessante Menschen kennenlernen. Andererseits habe ich solche Situationen in der Vergangenheit schon öfter erlebt: Man beginnt harmlos mit Lounges, Flugrouten und Hotelstatus, und zehn Minuten später sitzt man unfreiwillig in einer politischen Grundsatzdebatte, die man weder gebucht noch mit Punkten bezahlt hat.

Und ganz ehrlich: In den wenigen Tagen Urlaubsauszeit ist mir mein innerer Frieden wichtiger als das theoretische Risiko, einen faszinierenden Fremden nicht kennenzulernen. Manche Menschen sammeln Kontakte. Ich sammle lieber ruhige Momente, funktionierende Steckdosen und gelegentlich kandierte Erdbeeren.

Anschließend schlenderten wir durch die nähere Umgebung des Hotels. Und schnell war klar: Sanlitun ist Shopping Heaven.

Shops, Shops, Shops. Starbucks, mexikanische Cantina, Uniqlo, Louis Vuitton, Apple, Xiaomi - alles da. Ein Konsumtempel mit internationalen Klassikern und chinesischem Selbstbewusstsein. Wer hier dringend Geld ausgeben möchte, findet reichlich Gelegenheit. Wer allerdings seine Geldtasche zu Hause vergessen hat, betrachtet das Ganze eher wie ein Vegetarier die Steakhauskarte: interessant, aber mit eingeschränkter praktischer Relevanz.

Es wurde auch schnell deutlich, dass wir nicht in einem historischen Touristenviertel gelandet waren, sondern im Zentrum des gepflegten Kommerzes. Malls, Marken, Glasfassaden, Schaufenster und perfekt kuratierte Kaufanreize. Im Grunde eine Umgebung, die man in ähnlicher Form auch in Singapur, Dubai, Bangkok oder London finden könnte - nur mit mehr chinesischen Apps und weniger funktionierendem Apple Pay.

Meine Reiselust auf "neue Dinge entdecken" war damit erst einmal nur mäßig befriedigt. Also musste emotionale Soforthilfe her. Ich schnappte mir einen Erdbeer-Tanghulu-Spieß. Außen knusprig-zuckrig, innen fruchtig, insgesamt köstlich. Genau das Richtige, um Blutzucker, Stimmung und kulturelle Anpassungsfähigkeit gleichzeitig zu erhöhen. Manchmal braucht der Mensch keine tiefere Erkenntnis, sondern nur kandierte Erdbeeren am Spieß.

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Zurück im Hotel war mittlerweile schon Happy Hour. Also stellten wir uns natürlich der nächsten Pflicht: Buffet nochmals prüfen. Schließlich kann man einer Lounge nicht nach nur einem Servicezeitraum ein gerechtes Urteil ausstellen. Das wäre unseriös.

Danach fiel flysurfer in ein Food-Koma beziehungsweise holte den Schlaf nach, den er auf dem Langstreckenflug nicht bekommen hatte. Verständlich. Er hatte die Nacht im Flugzeug weitgehend mit iPad-Videos verbracht, während ich den Jetlag in meiner Reverse-Herringbone-Höhle mit AirPods Pro und Selbstüberschätzung besiegt zu haben glaubte.

Mich hingegen packte die Entdeckungslust. Offenbar hatte mein Körper entschieden, dass Schlaf etwas für Amateure sei. Also schnappte ich mir ein DiDi, die chinesische Version von Uber, und fuhr Richtung Zentrum zum Jingshan Park, einem künstlich angelegten Hügel direkt hinter der Verbotenen Stadt.

Während der rund 25-minütigen Fahrt wollte ich mir online noch schnell ein Ticket besorgen. "Noch schnell" ist in China allerdings ein Ausdruck, der sehr vom jeweiligen digitalen Ökosystem abhängt - und davon, ob man als Ausländer gerade wieder einmal als Sonderfall mit Reisepassnummer und Geduld behandelt wird.

Ein Ticket für den Jingshan Park kostet nur 2 CNY, also etwa 30 Cent. Sehr erfreulich. Weniger erfreulich: Ausländer müssen sich dafür offenbar mindestens 24 Stunden vor dem Besuch telefonisch mit Passnummer registrieren.

WTF.

Da saß ich also im DiDi auf dem Weg zu einem Park, für den ich theoretisch ein Ticket für 30 Cent kaufen konnte, praktisch aber ohne vorheriges Telefonat mit irgendeiner chinesischen Stelle nicht hineinkommen sollte. Sehr spontanitätsfreundlich. Also ungefähr so spontan wie eine deutsche Bauverordnung.

Aber ich gebe ja nicht so schnell auf. Die üblichen Verdächtigen wurden bemüht: Klook, Trip.com, GetYourGuide, Viator. Alle boten ebenfalls Tickets an - allerdings zum ungefähr 15-fachen Preis. Drei von vier Plattformen hatten für denselben Tag nichts mehr verfügbar. Bei GetYourGuide konnte ich mir schließlich noch ein Ticket sichern. Natürlich mussten dort ebenfalls die Reisepassdaten eingetragen werden, aber der 24-Stunden-Anruf bei einer chinesischen Behörde entfiel. Und ganz ehrlich: In diesem Moment waren mir die 5€ den Seelenfrieden absolut wert.

Rund um die Verbotene Stadt und die angrenzenden Parks gibt es für Rideshare-Fahrzeuge ein strenges Pickup- und Drop-off-Verbot im Umkreis von etwa 500 Metern. Also durfte ich den letzten halben Kilometer zum Westeingang des Parks zu Fuß laufen. Nach der langen Reise tat das sogar richtig gut. Beine bewegen, Luft schnappen, Peking riechen, nicht in einem Terminal stehen - kleine Dinge können sehr luxuriös sein.

Inzwischen kam auch der QR-Code für den Eintritt an. Ich passierte Sicherheitskontrolle und Ticketcheck ohne Probleme und musste nicht einmal erneut meinen Reisepass zeigen. Nach den vorherigen Erfahrungen mit chinesischen Automaten, Schranken und App-Menüs fühlte sich das fast schon unverschämt einfach an.

Und dann war ich plötzlich in dem Peking angekommen, das ich mir vorgestellt hatte.

Bunte Pagoden, klassische Dächer, historische Bauten, rote Wände, geschwungene Linien - endlich nicht mehr nur Shopping Mall, Scooter-Spur und Luxusboutiquen, sondern dieses visuelle "Ja, jetzt bist du wirklich in China"-Gefühl. Genau dafür reist man. Also neben Statusmeilen, Loungezugang und der Möglichkeit, sich international über Fahrkartenautomaten zu blamieren.

Ich musste mich allerdings beeilen. Die Sonne ging bereits unter, und ich wollte noch den Gipfel des Hügels erreichen, von dem man angeblich den besten Blick über die Verbotene Stadt hat.

Also Treppen. Viele Treppen. Natürlich viele Treppen. Der Hügel mag künstlich angelegt sein, aber meine Atmung war sehr real. Keuchend erklomm ich Stufe um Stufe, während mein Körper vermutlich irgendwo zwischen "wir hatten doch gerade erst Langstrecke" und "warum machen wir das freiwillig?" verhandelte.

Auf der ersten Aussichtsplattform standen bereits Massen an Menschen mit Kameras und Smartphones, alle auf der Jagd nach dem perfekten Sonnenuntergang über Beijing. Es wurde gefilmt, fotografiert, posiert und gewartet. Die Skyline im Abendlicht war beeindruckend, und trotz der vielen Leute hatte der Moment etwas Besonderes.

Glücklicherweise entdeckte ich dort auch einen Getränkeautomaten und zog mir ein süßes Teegetränk. Genau richtig. Zucker, Flüssigkeit, Koffein-Hoffnung und ein kurzer Moment der Wiederbelebung. Das motivierte mich, noch weitere Treppen nach oben zu steigen. Denn offenbar hatte ich beschlossen, dass der beste Ausblick nur dann zählt, wenn man vorher kurz überlegt hat, ob man eventuell auf halber Strecke wohnen bleiben möchte.

Und dann war sie da.

Die Verbotene Stadt von oben, majestätisch in der Dämmerung.

Ein riesiges Meer aus Dächern, Höfen und Achsen, eingerahmt vom modernen Beijing dahinter. Wirklich beeindruckend. Einer dieser Momente, in denen das ganze Routing-Chaos, die vergessene Geldtasche, der Umweg über Kairo, die Bordkartenpanik, die Lounge-Schnitzeljagd, das DiDi-Ticketdrama und sogar der politisch etwas entgleiste Afternoon Tea plötzlich nicht mehr wie Wahnsinn wirken, sondern wie eine etwas umständliche, aber letztlich erfolgreiche Methode, genau hier zu stehen.

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Für eine Beleuchtung der Verbotenen Stadt reichte es leider nicht. Wie wir später erfahren sollten, hat das auch seinen Grund: Aus Brandschutzgründen werden dort wohl kaum elektrische Kabel verlegt, da die Anlage größtenteils aus Holz besteht. Klingt vernünftig. Weniger Instagram-tauglich, aber vernünftig. Und manchmal ist es ja auch ganz schön, wenn nicht alles für die perfekte Nachtaufnahme verkabelt wird.

Also blieb nur: stehen bleiben, schauen, durchatmen und den Moment genießen.

Ein Moment, den ich nicht erlebt hätte, wenn es diesen leicht absurden Drang zur Emerald-Requalifikation und das günstige Ticket ab Kairo nicht gegeben hätte. Ohne Status-Run kein Kairo. Ohne Kairo kein Casablanca. Ohne Casablanca kein Royal-Air-Maroc-Nachtflug. Ohne Nachtflug kein Daxing. Ohne Daxing kein WeChat-Kampf. Ohne WeChat-Kampf kein Jingshan Park im Sonnenuntergang.

Vielflieger-Verrücktheiten haben also tatsächlich Vorteile außerhalb von Flughäfen, Lounges und Statuskonten.

Manchmal führen sie einen auch einfach auf einen Hügel in Peking, pappsatt, übermüdet, ohne Geldtasche - aber mit einem ziemlich großartigen Blick auf die Verbotene Stadt.


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Japandi

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06.04.2014
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BRN
Letztes Jahr habe ich am Jingshan Park einfach ein Ticket gekauft und bin reingegangen :eyeb:
Das ging im April noch genauso, da kann man nachwievor einfach ein Ticket am Eingang kaufen. Hatte meinen Pass schon ready, wollte niemand sehen. (Im Gegensatz zu anderen Parks).
Die 24 Stunden im Voraus gelten imho nur für die Verbotene Stadt und Tiananmenplatz. Bei anderen Parks habe ich die Frist aber oft bei den Re-Sellern gesehen (wie trip.com), vor Ort gehts aber dann spontan.

Ich habe mich auch nie um irgendwelche U-Bahn Tickets bemüht, sondern alles über Alipay bezahlt (Virtuelle ÖV-Karte in der App). Die funktioniert sowohl für die Metro selbst als auch für die Flughafen-Bahnen.

Als Erstbesucher ist dort aber alles so verwirrend, das kostet einiges an Nerven, die richtigen Sachen herauszufinden.
 

f0zzyNUE

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08.03.2009
9.600
4.248
Shichahai bei Nacht
Oder: Wenn ChatGPT einen Abend plant und der Körper irgendwann höflich kündigt

Wer jetzt dachte: "Verbotene Stadt von oben bei Sonnenuntergang - das war's dann wohl für heute", der kennt offenbar weder mich noch die fragile Logik eines übermüdeten Vielfliegers am ersten Abend in China.

Natürlich war der Tag damit nicht beendet.

Ich hatte noch einen Plan. Gut, streng genommen hatte ich mir den Plan von ChatGPT zusammenstellen lassen. Was konnte also schon schiefgehen? Eine Frage, die auf dieser Reise bereits mehrfach in den Raum gestellt und jedes Mal vom Universum mit einem kleinen hämischen Lächeln beantwortet worden war.

Der Plan lautete: ein Abstecher nach Shichahai beziehungsweise Houhai, wo es abends entlang eines Sees schöne Beleuchtung, Atmosphäre und viel Street Food geben sollte. Yummy. Als ob ich nicht schon genug gegessen hätte. Nach Lounge-Afternoon-Tea, Happy Hour, Tanghulu, Langstrecken-Catering und diversen Snacks war mein Körper vermutlich längst dabei, eine offizielle Beschwerde beim Verdauungsministerium einzureichen. Aber Street Food zählt auf Reisen ja nicht richtig. Das ist kulturelle Weiterbildung mit Kalorien.

Eine schnelle Recherche auf AMap ergab, dass ich zu Fuß zwar etwas länger unterwegs wäre als mit dem Bus, aber immerhin wusste ich, wie meine Beine funktionieren. Bei chinesischen Bussen war ich mir da weniger sicher. Ich hatte keine wiederaufladbare Transit Card und war auch nicht sicher, ob ich im Bus problemlos mit WeChat zahlen könnte. Und da ich an diesem Tag bereits genug öffentliche Verkehrssysteme beleidigt hatte, entschloss ich mich zu laufen.

Der Weg führte mich durch einen der vielen Hutongs, diese traditionellen Gassen in alten Wohngebieten chinesischer Bauweise. Genau die Art von Gasse, bei der man denkt, die Zeit sei vor Jahrhunderten stehen geblieben - sofern man die geparkten E-Scooter, Klimaanlagen, Kameras und gelegentlichen Lieferfahrer konsequent ausblendet. Historische Romantik mit Lithium-Ionen-Akku.

Es war mittlerweile gegen 21:45 Uhr. Peking. Dunkle Gasse. Allein unterwegs. Ausländer. Da stellt sich dem mitteleuropäischen Hirn natürlich kurz die Frage: Fühlt sich das jetzt gefährlich an?

Dann erinnerte ich mich an die Überwachungskameras überall.

Und plötzlich dachte ich: Nein, vermutlich nicht. Wenn mir hier etwas passiert, gibt es wahrscheinlich Aufnahmen aus 14 Winkeln, drei Höhen und einer Bildqualität, die meine eigene Mutter zur Gesichtserkennung nutzen könnte. Selten hat sich permanente Überwachung so beruhigend angefühlt. Ein moralisch komplizierter Gedanke, aber nach einem langen Reisetag ist man nicht mehr ganz auf philosophischer Betriebstemperatur.

hutong.png

Nach ungefähr 30 Minuten kam ich am Qianhai-See an.

Wow.

Was für ein Spektakel.

Dort machten die Pekinger die Nacht zum Tag. Gruppen spielten Federfußball oder Federball, Süßigkeiten wurden verkauft, Musik drang aus allen Richtungen, Menschen spazierten am Wasser entlang, und der See samt Promenade war bunt erleuchtet. Nach der fast mystisch dunklen Verbotenen Stadt war das hier das komplette Gegenteil: laut, lebendig, farbig, duftend, blinkend und voller Energie.

Kurz gesagt: Peking hatte offenbar beschlossen, mir nun doch noch zu zeigen, dass es nicht nur Malls, Kameras und Ticketprobleme kann.

Ich wanderte am Ufer entlang und kam natürlich nicht darum herum, ein bisschen Street Food zu probieren. Rein aus Gründen der Recherche. Man möchte ja später nicht behaupten müssen, man sei in Peking gewesen und habe sich kulinarisch zurückgehalten wie ein britischer Steuerberater auf Diät.

Also gab es hier einen gegrillten Beef-Spieß, dort einen Nut-Puff mit Erdbeer-Glasur, und am Ende noch einen Pancake mit Roast-Duck-Füllung - gewissermaßen als mentale Vorbereitung auf die kommende Peking-Ente. Man muss ja trainieren. Niemand läuft einen kulinarischen Marathon ohne Aufwärmprogramm.

Allein der Duft der Essensstände und Restaurants war göttlich. Gegrilltes Fleisch, süße Glasuren, Gewürze, Teig, Rauch, Fett, Zucker - ein olfaktorisches Feuerwerk, bei dem jeder Stand offenbar rief: "Du bist satt? Wie niedlich."

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Irgendwann war dann aber auch bei mir der Punkt erreicht, an dem genug neue Eindrücke auf das System eingespielt waren. Mein innerer Akku blinkte rot, mein Magen war in Verhandlungen mit der Schwerkraft, und der Rest von mir stellte langsam auf Rückzug um.

In der Nähe befand sich eine U-Bahn-Station. Die peilte ich an und lief auf dem Weg dorthin noch durch eine eher touristisch angehauchte Gasse mit einem Mix aus Souvenirs, Snacks, Restaurants und Läden aller Art. Alles sehr lebendig, sehr fotogen und sehr geeignet, um noch schnell Dinge zu kaufen, die man zu Hause nicht braucht und im Koffer nicht unterbringt. In meinem Fall verhinderte die zu Hause liegende Geldtasche immerhin den ein oder anderen unvernünftigen Spontankauf. Man muss dem Drama ja auch positive Seiten abgewinnen.

Da ich mich mittlerweile wie ein Profi fühlte, waren Ticketautomat und Ticketschranke diesmal kein Problem. Nach Fingerprint-Automaten, WeChat-Zahlung, NFC-Karten und dem großen Caoqiao-"MÖÖÖP" war ich inzwischen praktisch zertifizierter Anfänger im chinesischen Nahverkehr. Ich wusste zwar noch immer nicht alles, aber immerhin genug, um nicht sofort von der Infrastruktur ausgelacht zu werden.

Obwohl die Entfernung zum InterConti nur etwa sechs Kilometer betrug, musste ich zweimal umsteigen. Das Pekinger U-Bahn-Netz ist riesig, effizient und sauber, aber man braucht schon eine gewisse Portion Glück, um mit einer Linie direkt ans Ziel zu kommen. Meistens ist es eher wie ein Strategiespiel: Man plant, steigt um, folgt Schildern, vertraut AMap und hofft, dass die nächste Linie nicht in eine andere Dimension fährt.

Stolz wie Bolle erreichte ich schließlich die Station Workers' Stadium. Von dort waren es noch etwa zehn Minuten zu Fuß bis zum Hotel.

Und dann begann der weniger charmante Teil des Abends.

Der Heimweg wurde zum Spießrutenlauf. Gefühlt alle zehn Meter wurde ich von dubiosen Gestalten mit den Worten "Lady Bar, nice ladies" angesprochen. Als ich kein Interesse zeigte, folgte meist direkt die zweite Angriffswelle: "Nice lady bar, good beer, beer?"

Nein. Auch mit Bier nicht.

Es war nervig. Nicht gefährlich, aber lästig. Der fast perfekte Abend bekam dadurch am Ende noch eine kleine klebrige Schicht Touristen-Nepp verpasst. Schade eigentlich, denn bis dahin war ich im Modus "Peking bei Nacht ist großartig". Nun war ich eher bei "Peking bei Nacht ist großartig, solange niemand versucht, mich in eine Lady Bar mit vermutlich sehr kreativer Rechnungsgestaltung zu bugsieren".

Aber was soll's. Alter hat auch seine Vorteile. Irgendwann hat man gelernt, Nein zu sagen und dabei zu bleiben. Früher hätte man vielleicht noch höflich gelächelt, gezögert oder sich unnötig erklärt. Heute sagt man einfach Nein, schaut geradeaus und läuft weiter. Persönlichkeitsentwicklung durch Reiseabzockprävention.

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Zurück im Hotel erwartete mich flysurfer bereits. Ausgeschlafen, zumindest teilweise regeneriert und vermutlich etwas überrascht, dass ich nach meinem Solo-Ausflug nicht irgendwo zwischen Hutong, Seeufer und QR-Code-Ticketing verschollen war.

Wir planten noch den nächsten Tag. Das heißt: Ich besorgte online Tickets für eine Führung über den Tian'anmen-Platz und durch die Verbotene Stadt. Dauer: etwa 2,5 Stunden. Tourstart um 09:30 Uhr. Das klang vernünftig: genug Zeit zum Ausschlafen, Frühstücken und dann gemütlich mit DiDi zum Treffpunkt fahren.

Da mir der Jingshan Park so gut gefallen hatte und ich dachte, dass flysurfer den Ausblick ebenfalls klasse finden würde, besorgte ich auch noch Tickets für den Park. Der Plan war, ihn direkt nach der Tour zu besteigen. Also genau das, was man nach zweieinhalb Stunden Führung durch eines der größten historischen Areale der Welt macht: noch einen Hügel hoch. Sehr entspannt. Sehr Urlaub.

Erschöpft und müde fiel ich schließlich ins Bett. Der Tag hatte mit Peking Daxing, Fingerprint-Automaten, U-Bahn-Erziehung, Hotel-Check-in, Lounge-Talk mit politischem Beifang, Sanlitun, Jingshan Park, Sonnenuntergang über der Verbotenen Stadt, Shichahai bei Nacht, Street Food und Lady-Bar-Slalom wirklich genug Programm geboten.

Ich döste ein.

Und während ich langsam ins Reich der Träume glitt, eröffnete flysurfer in den kommenden Stunden offenbar erneut flysurfers Schlaflabor. Dort wurden meine Schnarchattacken wissenschaftlich analysiert, kategorisiert und vermutlich innerlich mit früheren Nachtfluggeräuschen verglichen.

Gut, dass er vorgeschlafen hatte.
 
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f0zzyNUE

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08.03.2009
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Letztes Jahr habe ich am Jingshan Park einfach ein Ticket gekauft und bin reingegangen :eyeb:
das wäre Plan B gewesen - da der Park aber Einlass-Schluss um 20:30 hatte wollte ich sicher gehen, dass ich nicht vorort noch probleme bekomme ein Ticket zu erhaschen. Wollte sichergehen, dass die Fahrt nicht umsonst war.

Das ging im April noch genauso, da kann man nachwievor einfach ein Ticket am Eingang kaufen. Hatte meinen Pass schon ready, wollte niemand sehen. (Im Gegensatz zu anderen Parks).
Die 24 Stunden im Voraus gelten imho nur für die Verbotene Stadt und Tiananmenplatz. Bei anderen Parks habe ich die Frist aber oft bei den Re-Sellern gesehen (wie trip.com), vor Ort gehts aber dann spontan.

Ich habe mich auch nie um irgendwelche U-Bahn Tickets bemüht, sondern alles über Alipay bezahlt (Virtuelle ÖV-Karte in der App). Die funktioniert sowohl für die Metro selbst als auch für die Flughafen-Bahnen.

Als Erstbesucher ist dort aber alles so verwirrend, das kostet einiges an Nerven, die richtigen Sachen herauszufinden.
Danke für die Info - aber ich denke der Reisebericht erklärt genau, dass für den Erstbesucher nicht alles straight-forward ist. Ich hatte online nach dem offiziellen Ticketverkauf gesucht. Und dort stand erklärt, dass man sich vorab registrieren muss (auf der Seite für den Jingshan Park) - also hatte ich der Info erst mal getraut. Aber schön, dass die Chinesen teilweise auch pragmatisch sind ;)

Danke für die Info mit dem handy-Ticket. Ich wollte zwar in die Apple-Wallet so eine Peking Transit-Karte hinzufügen, scheiterte aber daran keine chinesische Bankverbindung zu haben. Bei Alipay hab' ich gar nicht erst gesucht. Da kam mir viel zu viel "chinesisch" vor. -die Übersetzung der App klappt dort nicht 100%ig.
 

oliver2002

Indernett Flyertalker
09.03.2009
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Unübersehbar beobachteten uns ab diesem Moment Kameras aus allen möglichen Richtungen und Blickwinkeln. Decke, Wand, Ecke, Gang, vermutlich auch aus der Zimmerpflanze, falls irgendwo eine stand. Bei der Menge an Kameras fragte man sich unweigerlich, ob die wirklich alle Daten erfassen und auswerten oder ob ein Teil davon nur als psychologisches Bühnenbild dient. Andererseits: Wir waren in China. Vielleicht ist beides richtig.

Die Kameras haben dich seit der Erfassung am Kiosk vor der Grenze im Visier. Big brother is da gar nix. Der Algo hinter dem System würde sogar eine 'Einreise' in die Innenstadt verhindern. Die Security an der S/Ubahn in die Stadt oder am T'Square dient nicht zum Screening, sondern um potentielle Troublemaker erst gar nicht an die kritischen Orte zu lassen.


The Chinese Communist Party famously uses surveillance to crush dissent and, increasingly, is applying predictive algorithms to get ahead of both crimes and protest. People who screen as potential political agitators, for example, can be prevented from stepping onto trains bound for Beijing.


 
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22.04.2022
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Danke für den Bericht soweit. Habe mich schlapp gelacht und bin schon mal bisschen vorgewarnt (mir spuken als Reiseziele 2027 nämlich Kairo und Peking durch den Kopf ... 😰)
 
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oliver2002

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Peking ist einer der leichtesten Chinesischen Orte. Ich steige immer im Renaissance Wangfujing ab, da sind die Hutongs, Verbotene Stadt und T Square fussläufig erreichbar. Abends guckt man von der Lounge direkt auf die Verbotene Stadt.
 
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