Re: Market-Timing
Es ist heute durchaus strittig unter Experten, ob sich der Markt timen lässt. Es gibt Nobel Memorial Prices in Economics sowohl auf der Pro- als auch auf der Contra-Seite und auch bekannte Praktiker auf beiden Seiten.
Bitcoin wird von manchen als dauerhafte Blase angesehen, wo es selbst nach über einem Jahrzehnt keine Markteffizienz zu beobachten gibt.
Auch scheint es manchen der New Kids an der Wall Street (Citadel, Jane Street usw.) zu gelingen, den Markt systematisch zu schlagen.
Davon abgesehen: Selbst wenn Märkte effizient sein sollten und Timing mir keine Übergewinne verschaffte, ist Liquidität dennoch wichtig.
Warum z.B. festverzinsliche Staatsanleihen, wo sich der Kurs nach unten bewegt, wenn die Marktzinsen steigen, kurzfristig verkaufen? Bis zu Fälligkeit muss der Kurs (angenommen, das Ausfallrisiko ist vernachlässigbar) wieder auf par steigen. Deshalb würde ich bei solchen Kursverlusten doch eher auf Cash/Cash-naher Geldmarkt zurückgreifen als auf Anleihen oder einen Anleihen-ETF.
Und auch sonst halte ich viele illiquide Produkte, z.B. geschlossene Immobilienfonds (nicht börsengehandelt, aus praktischer Sicht vor Liquidierung des Fonds nicht veräußerbar) oder Alts (da wäre ich aktuell von Redemption Caps u.a. von Partners Group betroffen, wenn ich aussteigen wollte).
Und bei Aktien/Aktien-ETF: Ich bin Experte und sehe die Argumente für Markteffizienz. Dennoch würde ich es i.d.R. vermeiden wollen, im Kurstief, in dem KGV's und andere KPI's komplett im Keller sind, Buchverluste zu realisieren - so tief verwurzelt ist mein Glauben an Fama und French im Jahre 2026 nicht mehr.
Auch gab es punktuell Zeiten, wo eigentlich hochliquide Investmentd plötzlich illiquide wurden (z.B. kurz nach Ausbruch der GFC).
Ergo: Natürlich braucht man Cash und Cash-nahe Produkte im Portfolio, um unvorhergesehene Ausgaben (z.B. wenn sich ein nicht versichertes Risiko materialisiert) ohne größere Wertverluste stemmen zu können.
Im Gegensatz zum Glauben mancher VFT'ler ist die Welt nicht Schwarz oder Weiß. Ich kann sagen, dass ich es für höchst ineffizient halte, dass manche 30% ihres Portfolios und mehr in Tages- und Festgeld stecken.
Aber 5-15% Liquidität (Pi mal Daumen, je nach persönlichen Präferenzen, Alter, Risikobereitschaft) braucht es wohl schon.
EDIT: Und ja, gerne auch "Butter bei die Fische". Ich würde aktuell meine Aktienpositionen nicht substantiell aufstocken wollen aus Markttiming-Erwägungen. Zwar scheint der Markt aktuell noch Risiken zu absorbieren etwa bei den neuen IPO's, aber die letzten Tage haben gezeigt, dass die Einschläge näher kommen und das aktuelle Bewertungsniveau ist im historischen Vergleich nunmal extrem hoch.. Hinzu kommen geopolitische Risiken (Iran...), ein kritischer Wechsel bei der Fed (Warsh), möglicherweise große sektorale Verschiebungen aufgrund von AI etc. Aktuell verkaufen? OK. Groß kaufen? Nein. -> Genau das ist Market Timing.
EDIT: Die Behauptung, der Einstiegszeitpunkt spiele auf Sicht von 25+ Jahren keine Rolle, ist Humbug und umfassend empirisch widerlegt. Er tut es. Nur leider ist es so, dass die meisten Menschen ein Arbeitseinkommen über ihr Leben haben, dass wie ein umgedrehtes U aussieht mit Plateau zwischen 40-50 Jahren, weshalb sie nur begrenzte Möglichkeiten haben, ihre Einstiegszeitpunkte zu beeinflussen...
Zusammenfassung: hier bin ich ausnahmsweise nicht einer Meinung mit
@Hotel - ich empfinde es als waghalsig, zu suggerieren, Aktien-ETF seien liquide, den Markt timen kann man nicht, deshalb reicht das als "Liquidität".
Wie oben länger ausgeführt, halte ich einen gewissen Versuch, Aktienkäufe zumindest nahe empfundenen Marktextremen zu timen durchaus für sinnvoll (Stichwort "irrational exuberance").
Außerdem halte ich nicht nur Aktien ETF, sondern auch Anleihen, geschlossene Fonds usw., wo entweder Timing explizit eine Rolle spielt (bei der AAA Anleihe besteht das Zinsänderungsrisiko nur vor Fälligkeit) oder wo es definitiv Illiquidität gibt wie bei Anteilen an geschlossenen Fonds.