Ich kann dir aus langjähriger Fluglehrererfahrung sagen, dass Checkflüge mit sehr erfahrenen Piloten (mit u.U. mehr Stunden als du selbst hast, oft auch deutlich älter) klar die schwierigste Aufgabe überhaupt ist.
Diese langjährige Fluglehrerfahrung ist es auch, welche nicht wusste was CRM im Kern bedeutet und dieses in deiner Welt auch nur auf zwei Piloten ausrichtet? Ich finde es grundsätzlich gut, dass Du dich selbst mit deinen Aussagen disqualifizierst (Bremsdruck B787 war ja auch sowas), mit solcher Bestimmtheit sich im Kreis zu drehen, ist aber auch eine Kunst.
Allein die regulatorischen Voraussetzungen, um Fluglehrer zu werden, sind nicht mit den Auswahl- und Assessmentverfahren professioneller Airlinepiloten vergleichbar. Bei Airlines werden neben den fliegerischen Fähigkeiten insbesondere Teamfähigkeit, Kommunikation, Entscheidungsverhalten und CRM-relevante Kompetenzen beurteilt. Diese Fähigkeiten werden anschließend im Rahmen der betrieblichen Ausbildung und wiederkehrender checks kontinuierlich trainiert.
Die von dir angesprochenen psychologischen Phänomene sind keineswegs neu oder auf die Luftfahrt beschränkt. Authority Gradient, Authority Bias, Social Inhibition, Evaluation Apprehension, Responsibility Diffusion und Role Ambiguity sind bekannte Themen der Human-Factors-Forschung und werden in unterschiedlichen sicherheitskritischen Berufsfeldern adressiert. Daraus folgt allerdings nicht, dass man bei jedem unerwünschten Ereignis automatisch einen dieser Effekte als Ursache annehmen darf.
Dass auf Ultra-Langstreckenflügen oder bei Line Checks ein ranghöherer oder erfahrenerer Pilot auf dem Jumpseat sitzt, ist gelebte betriebliche Praxis. Daraus entsteht aber keine automatische informelle Kommandostruktur, insbesondere nicht bei standardisierten Abläufen. Die operative Rollenverteilung bleibt bestehen. Ein beobachtendes Crewmitglied soll eine erkannte Abweichung oder Gefahr klar und unmissverständlich kommunizieren. Der CPT muss diese Information aufnehmen, bewerten und entsprechend handeln. Genau darum geht es bei CRM und Speak up.
Ein pauschales „STOP“ vom Jumpseat ist nicht automatisch die CRM-konforme Vorgehensweise. Entscheidend sind die geltenden SOPs und trainierten Eingriffsverfahren. Die konkreten Verfahren von Vietnam Airlines kenne ich nicht, weshalb ich mir darüber kein abschließendes Urteil anmaße. Aber ausgerechnet die bloße Anwesenheit eines ranghöheren Piloten als Erklärung für ein vermeintliches Zögern der Crew heranzuziehen, ohne dafür konkrete Belege zu haben, ist methodisch ausgesprochen dünn.
Ja, es gibt kulturelle und organisatorische Konstellationen, in denen Hierarchiedenken, Autoritätsgläubigkeit oder die Angst vor einem Gesichtsverlust nachweislich sicherheitskritisches Verhalten begünstigen können. Ob das bei VN34 eine Rolle gespielt hat, weiß ich nicht. Das müsste anhand belastbarer Erkenntnisse untersucht werden und lässt sich nicht aus allgemeinen kulturellen Zuschreibungen ableiten.
Was mich an deiner Argumentation stört, ist deshalb nicht, dass du einen psychologischen Einfluss grundsätzlich für möglich hältst. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der du aus einer allgemeinen menschlichen Schwachstelle eine konkrete Erklärung konstruierst und dabei deine persönlichen Erfahrungen aus der Fluglehrertätigkeit auf den Airlinebetrieb überträgst.
Eine bekannte menschliche Schwachstelle ist noch lange kein Beleg dafür, dass sie in einem konkreten Ereignis ursächlich war. Und pauschale Behauptungen über das Verhalten professioneller Airline-Crews werden nicht dadurch belastbarer, dass man sie mit langjähriger Fluglehrerfahrung begründet. Gerade in einer sicherheitskritischen Branche sollte man zwischen einer plausiblen Hypothese und einer belegbaren Schlussfolgerung unterscheiden können.