Du willst einst nicht verstehen:
Doch, ich verstehe es sogar weitaus besser als du, da ich selbst in einem einst bettelarmen Land geboren bin. Polen war in den 80er sogar noch ärmer als Südafrika. Ab den 90ern, als die Handelsgrenzen fielen, konnte man sich aber zumindest alles kaufen, was das Herz begehrt - solange man das nötige Kleingeld hatte! Das hatten damals aber nur die, die aus dem Ausland kamen. Die Zeit ist mir noch gut Erinnerung, ich durfte dann als kleiner Junge überall mit, wenn Mutter ihre "Erledigungen" tun musste. Und alle waren sie super freundlich und nett. Von der Verkäuferin, über die Schneiderin zur Kellnerin. Die berühmt-berüchtigte Extrameile sind sie alle gegangen, erst Recht wenn man mit DM bezahlt hat. Bei 30% Arbeitslosigkeit, Hyperinflation und Rezession blieb den meisten auch keine andere Wahl. Aber alldies hatte nichts mit Zufriedenheit, Kundenservice oder gar Dankbarkeit zu tun, sondern war pure Not. Insgeheim war die Stimmung gerade gegenüber den "Deutschen" von Ressentiments und Missgunst geprägt. Das wusste meine Mutter nur allzu gut, deswegen hieß es immer vor Betreten des Ladens: "Junge, ab jetzt kein Deutsch mehr!". In Deutschland hieß es noch: "Junge, bloss kein Polnisch in der Öffentlichkeit!".
Desweiteren gab es noch so "Spezial-Dienstleistungen" wie eine schnelle Autowäsche an roten Ampeln oder eine persönliche Überwachung deines Wagens auf öffenlichen Parkplätzen. War schon eine richtige Service-Oase das Polen der 90er! Wär es nicht verstanden hat, das war natürlich ein Witz. Gerade die, die einem an der Ampel oder auf dem Parkplatz aufgelauert sind, haben einfach nur Geld abgepresst. Wer keine schnelle Wäsche wollte, dem haben sie mit dem schmutzigen Lappen die Windschutzscheibe vollgeschmiert. Das war ja noch harmlos! Aber wer auf den Parkplatz-Sicherheitsdienst verzichtet hat, dem wurde das Auto demoliert oder direkt gezockt.
Alles in allem, waren gerade die frühen 90er eine verdammt üble Zeit in Polen für die dort Gebliebenen. Und weißt du was?! Jetzt wird viel mehr gemeckert und gejammert als noch vor 30 Jahren. Dies hat viel mit gestiegenen Wohlstand und einer gestiegenen Erwartungshaltung zu tun. Nach Jahrzehnten des Realsozialismus lagen die Erwartungen an die Politik und das eigene Leben einfach bei Null. Man konnte sich gar nicht vorstellen, dass es besser gehen könnte. So wird es auch deinen Südafrikanern gehen! Hinzu kommt dort noch die rassistische Komponente. Generationen von Schwarzen haben die Kolonialherren erzählt, dass es für sie nichts Besseres gibt als sich als billige Arbeitskraft bei den Weißen zu verdingen und dabei stets glücklich, devot und freundlich zu sein. Mich hat mal ein Barjunge in Kenia "Master" genannt. Er war sichtlich nervös, hatte tierische Angst im Umgang mit mir irgendeinen Fehler zu machen und seinen Job zu verlieren. Mir war das total unangenehm, hat mir aber auch klargemacht wie sehr die Kolonialzeit selbst nachfolgende Generationen prägt. Umso unverständlicher für mich, dass man hier ganz stolz verkündet, dass jeder in Afrika sofort hüpft, wenn man mit Geldscheinen wedelt.
Im Übrigen gönne ich dir deinen Erfolg und dein Leben in Südafrika vom ganzen Herzen. Da meine Eltern ja ähnlich gehandelt haben, finde ich es natürlich auch absolut legitim, dass man für sich und seine Familie, dort den Lebensmittelpunkt wählt, wo man sich das Beste erhofft. Ich bin der Letzte, der das kritisieren oder wem neiden würde. Aber tu doch bitte nicht ständig so als wäre dein Leben in Südafrika in irgendeiner Form repräsentativ für die Mehrheitsbevölkerung.
PS: Und um nicht ständig mit Anekdoten und gefühlten Wahrheiten zu argumentieren. Im World Happiness Report, der nicht auf Fremdwahrnehmung, sondern Selbsteinschätzung der eigenen Lebensumstände beruht, landen deine glücklichen Südafrikaner auf Platz 95. Weit abgeschlagen hinter den griesgrämigen Deutschen.