Tian'anmen-Platz und Verbotene Stadt
Oder:
Frühstückssuppe, Passkontroll-Pingpong und Andy - A-N-D-Y
Zum Glück hatte ich den Wecker auf 07:30 Uhr gestellt. Ohne ihn hätte ich vermutlich tatsächlich verschlafen - was nach dem Vortag mit Daxing, U-Bahn-Lehrstunde, Jingshan Park, Shichahai, Street Food und Lady-Bar-Slalom auch niemandem ernsthaft hätte übelnehmen können. Mein Körper hatte inzwischen wohl eine offizielle Beschwerde beim Reiseleiter eingereicht. Problem: Der Reiseleiter war ich selbst. Schlechte Zuständigkeit.
flysurfer war bereits wach. Die Ergebnisse aus flysurfers Schlaflabor lagen offenbar schon vollständig ausgewertet vor und wurden mir in gähnender Form präsentiert. Vielen Dank für die Analyse. Tut mir leid für den verschleppten Schlaf. Ich hätte gerne Besserung gelobt, aber wir wollen ja im Reisebericht nicht plötzlich mit unrealistischem Optimismus anfangen.
Noch halb im Schlaf schlurfte ich Richtung Toilette - und erschrak wieder einmal halb zu Tode, als sich der Toilettendeckel mit Schwung und Krach öffnete, kaum dass ich mich dem Toilettenraum näherte. Dieses japanisch inspirierte Hightech-Monster hatte eindeutig ein Problem mit persönlicher Distanz. Man könnte meinen, es warte nur darauf, unschuldige Touristen aus dem Westen zu verschlingen. Immerhin war der Sitz vorgewärmt. Falls man also tatsächlich gefressen würde, dann wenigstens ohne kalten Popo. Kleine Dinge zählen.
Nach der üblichen Morgenroutine ging es hoch in die Lounge zum Frühstück. Und dort stand ich dann erst einmal vor einem Buffet, das mich intellektuell und emotional überforderte. Es gab praktisch alles: westliche Klassiker, asiatische Frühstücksoptionen, warme Gerichte, kalte Gerichte, Obst, Gebäck, Säfte - und natürlich chinesische Frühstücksfreuden wie Tee-Eier und tausendjährige Eier. Letztere sehen immer ein wenig aus, als hätte jemand ein normales Ei sehr lange beleidigt und dann trotzdem serviert.
Zusätzlich gab es ein À-la-carte-Menü. In Asien mag ich morgens grundsätzlich Suppen, also fiel meine Wahl auf die Beef Noodle Soup. flysurfer bestellte sich die Chicken Noodle Soup. Um die Wartezeit zu überbrücken, schnappte ich mir eine Mini-Laugenbreze. Rein wissenschaftlich natürlich. Ich wollte testen, wie ein chinesischer Bäcker dieses süddeutsche Kulturgut interpretiert.
Und was soll ich sagen: Die war perfekt. Wirklich perfekt. Die hätte auch von meinem Bäcker um die Ecke kommen können. Ein kurzer Moment fränkischer Heimatgefühle im 22. Stock eines Hotels in Peking. Globalisierung kann manchmal sehr schön sein.
Nach ungefähr zehn Minuten wurde mir eine Suppe serviert. Ich schaute hinein und dachte:
Hmm. Seltsame Farbe für eine Beef Noodle Soup.
Aber gut, ich war kein Stammgast, die Zeitumstellung nagte noch an den Geschmacksknospen, und nach einer perfekten chinesischen Laugenbreze war mein kulinarisches Weltbild ohnehin kurz instabil. Also nahm ich an, das müsse schon passen. Die Suppe schmeckte nach Suppe, hatte Nudeln, etwas Pak Choi und war grundsätzlich essbar. Nur der Beef-Geschmack fehlte. Komplett. Vielleicht war es eine sehr spirituelle Beef Noodle Soup, bei der das Rind nur konzeptionell anwesend war.
Ich löffelte sie brav aus.
Dann bekam flysurfer seine Chicken Soup - und die sah verdächtig aus wie eine Beef Noodle Soup.
Oje.
Offenbar hatte die freundliche Bedienung uns beide Langnasen verwechselt. Und dabei sehen wir uns nicht einmal ähnlich. flysurfer hat zumindest Haare am Kopf. Aber egal. Meine Suppe war bereits halb ausgelöffelt, und ich wollte am ersten Morgen nicht gleich wegen einer falsch zugestellten Nudelsuppe einen diplomatischen Zwischenfall auslösen. Wir waren ja noch zwei weitere Male da. Dann bestelle ich die Beef Noodle Soup eben morgen nochmal. Wird ja nicht mehrfach schiefgehen.
Ein Satz, der natürlich auch wieder gefährlich optimistisch war.
Gut gesättigt machten wir uns auf den Weg zum Tian'anmen-Platz, beziehungsweise zum Treffpunkt unserer Tour. Unser Guide hatte sich bereits gemeldet: Andy. Oder genauer gesagt: Andy - A-N-D-Y, wie er später noch mehrfach mit der Präzision eines Flughafen-Gate-Agents buchstabieren sollte.
Er hatte mir vorab schon eine WhatsApp mit weiteren Details geschickt. Dinge, die wir unbedingt beachten sollten: keine Drohnen, keine Selfie-Sticks über 1,3 Meter, keine traditionellen Klamotten und nichts, was auch nur annähernd an Japan erinnert. Null Problemo. Ich hatte ohnehin weder Kimono noch Drohne noch Samurai-Schwert im Tagesrucksack. Man reist ja leicht.
Bei geführten Touren ist fast immer jemand dabei, der besonders hervorsticht. Auch hier. Sein Name: Rodrigo aus Chile.
Rodrigo hatte eine Energie, die man nicht übersehen konnte. Redefreudig, präsent, gut gelaunt und mit einer sehr ausgeprägten Bereitschaft, die Führung nicht nur selbst zu erleben, sondern sie quasi live nach Südamerika zu übertragen. Er war wohl der Glückliche aus seiner Familie, der das Los gezogen hatte und nach Peking reisen durfte. Der Rest der Familie war dafür offenbar per FaceTime oder Videochat zugeschaltet. Während gefühlt der gesamten Führung hörte Rodrigo weniger Andy zu, sondern kommentierte, filmte, schwenkte und sendete live nach Chile.
Man muss ihm lassen: Er hatte Spaß. Viel Spaß sogar. Besonders enttäuscht war er nur, dass man das Mao-Mausoleum nicht besuchen konnte. Aber selbst das konnte seine Stimmung nicht nachhaltig trüben. Rodrigo blieb in Erinnerung. Allein schon deshalb, weil er der einzige Mensch war, den wir in China sahen, der tatsächlich mit Cash bezahlte - wenn auch nur eine Flasche Wasser an einem Kiosk. In einem Land, in dem selbst Straßenstände eher QR-Codes als Wechselgeld zu haben scheinen, wirkte das fast rebellisch.
Unser Reiseführer Andy war dagegen die Blaupause eines chinesischen Tourguides. Klar, strukturiert, laut genug, immer leicht befehlsartig und mit einem bemerkenswerten Talent, wichtige Hinweise so oft zu wiederholen, bis selbst der letzte Depp verstand, was gemeint war. Also auch wir.
Vermutlich hieß er gar nicht Andy. Wahrscheinlich war das Pseudonym für westliche Touristen einfach leichter zu merken und auszusprechen als irgendein schöner chinesischer Name, den wir nach drei Minuten ohnehin brutal verstümmelt hätten. Also Andy. A-N-D-Y. Sicher ist sicher.
Glücklicherweise mussten wir uns nicht in Zweierreihen aufstellen wie die chinesische Reisegruppe neben uns. Ein kleiner Sieg der individuellen westlichen Restwürde.
Bevor es losgehen konnte, musste Andy noch ein Gruppenfoto machen. Vermutlich als Nachweis, dass er alle angemeldeten Teilnehmer tatsächlich mit seiner Führung beglückt hatte. Also aufstellen, lächeln, durchzählen, "Cheeeese" - und schon war das Foto im Kasten beziehungsweise auf seinem chinesischen Handy.
Dass aus einer angemeldeten Zweiergruppe nur ein Teilnehmer erschienen war, weil der andere spontan arbeiten musste, gefiel Andy allerdings gar nicht. Er hinterfragte das mehrfach. Sicher ist sicher. Nicht, dass ihm dadurch eine Kommission, ein Formular, ein Bonuspunkt oder ein Stück bürokratischer Seelenfrieden flöten ging. Aber gut: Sein Problem, nicht meins.
Dann ging es los.
Wir liefen Richtung Tian'anmen-Platz. Nicht ohne dass Andy mehrfach erwähnte, wie klug wir doch gewesen seien, seine Tour zu buchen. Als Einzeltouristen würden wir sonst bis zu zwei Stunden anstehen, bevor wir überhaupt auf den Platz kämen. Dazu deutete er jedes Mal auf lange Schlangen. Und ja, vermutlich hatte er recht. Aber nach dem ersten Hinweis hatte ich das Konzept bereits verstanden. Nach dem dritten Hinweis fühlte es sich langsam an wie ein Verkaufsargument, das sich selbst nicht loslassen konnte.
Ein weiterer Vorteil seiner Tour sei, dass wir den Reisepass nur einmal vorzeigen müssten. Andere müssten das viermal tun. Das klang vernünftig. Effizient. Fast schon luxuriös.
Und schwupps standen wir bei der ersten Kontrolle.
Metalldetektor. Taschen durchleuchten. Security. Und dann natürlich: Reisepass herauskramen und vorzeigen.
Gut. Einmal. Genau wie versprochen.
Denkste.
Immerhin wurden wir von Security-Mitarbeiterinnen kontrolliert, deren Blick irgendwo zwischen professionell und charmant lag. Ein bisschen Flughafen, ein bisschen Flirt, ein bisschen "bitte trotzdem keine verbotenen Gegenstände dabeihaben". China versteht es, auch Sicherheitskontrollen leicht surreal zu inszenieren.
Auf dem Platz erzählte Andy dann über die Geschichte des Tian'anmen-Platzes, die angrenzenden Gebäude und warum die Verbotene Stadt überhaupt Verbotene Stadt heißt. Wir bekamen ein paar Minuten freie Zeit für Fotos, sollten uns danach aber wieder am Fahnenmast treffen.
Dort erwähnte Andy, dass er auch professioneller Fotograf sei und nun von jeder angemeldeten Gruppe ein Foto machen werde. Gleichzeitig betonte er, dass er leider keine Einzelfotos machen könne, weil wir sonst Zeit verlieren würden. Verständlich. Zweieinhalb Stunden sind für dieses riesige Areal ohnehin nicht gerade großzügig bemessen - wobei wir später lernen sollten, dass Zeitangaben bei Andy eher als kreative Empfehlung zu verstehen waren.
Nebenbei gab es auch noch etwas Bildungsfernsehen in Echtzeit. Beijing bedeutet "Nördliche Hauptstadt", und heute wird international meist diese Schreibweise verwendet. Früher war im Westen "Peking" geläufiger. Peking Duck heißt aber nach wie vor Peking Duck, weil man sie mit der imperialen Zeit und der Kaiserfamilie verbindet. Außerdem merkte ich mir endlich ein paar Himmelsrichtungen auf Chinesisch, weil sie ständig in Ortsnamen auftauchen: bei für Norden, dong für Osten, nan für Süden und xi für Westen.
Sehr praktisch. Ich war also seit knapp 24 Stunden in China und konnte bereits Himmelsrichtungen, eine Fahrkarte falsch scannen und eine Suppe falsch zugeordnet bekommen. Fortschritt.
Nach der Fotosession am Fahnenmast ging es durch eine Unterführung zum Südtor der Verbotenen Stadt. Darüber hängt das berühmte Mao-Bild. Andy erklärte, dass dieses Bild jedes Jahr ausgetauscht wird, damit es immer makellos aussieht. Eine Art politisches Porträt-Abo mit Wartungsvertrag.
Dann kam eine weitere wichtige Information: Wenn man einmal durch das Tor gelaufen ist, gibt es keinen Weg zurück.
Diese Information bekamen wir mindestens fünfmal. Vielleicht sechsmal. Möglicherweise achtmal. Jedenfalls oft genug, dass ich kurz überlegte, ob hinter dem Tor nicht die Verbotene Stadt, sondern ein sehr großer chinesischer IKEA ohne Ausgang liegt.
An dieser Stelle mussten nun Tickets besorgt werden. Dafür sammelte Andy die Reisepässe der Last-Minute-Teilnehmer ein, also auch unsere. Er brauchte außerdem noch einen Freiwilligen, der mit zur Ticketausgabe kommt. Ich meldete mich sofort. Nicht aus besonderem Pflichtbewusstsein, sondern weil ich meinen Reisepass ungern aus den Augen verliere. Man weiß ja nie. Ohne Geldtasche unterwegs zu sein ist schon abenteuerlich genug; ohne Pass in China wäre dann wirklich das nächste Level gewesen.
Am Ticketschalter musste ich ein Formular unterschreiben und wurde danach wieder entlassen. Vielleicht habe ich auch meine Seele verkauft. Ich konnte es nicht sicher sagen. Aber soweit vertraute ich Andy dann doch, dass er damit keinen größeren Unfug treiben würde. Kurz darauf kam er mit dem Stapel Reisepässe zurück, und es ging weiter zur Ticketkontrolle.
Dort mussten wir Ticket und Reisepass vorzeigen.
Also zum dritten Mal.
So viel zu "bei mir müsst ihr den Reisepass nur einmal hervorholen". Vielleicht meinte er: einmal pro Teilabschnitt, pro Kontrollpunkt, pro kosmischer Einheit. Wer weiß.
Ganz reibungslos lief die Kontrolle allerdings nicht. Nach dem Scannen meines Reisepasses und Abfotografieren meiner Visage blinkte eine rote Lampe auf. Exakt dieses Gefühl kennt man vom Flughafen-Gate, wenn plötzlich "Boarding denied" erscheint und man kurz überlegt, ob man sein Leben noch einmal neu sortieren muss.
Die Aufseherin klopfte wild auf ihrem Smartphone herum, immer meinen Reisepass und das Ticket im Blick. Ich stand daneben und versuchte, möglichst harmlos auszusehen. Irgendwann sagte der Computer dann doch "OK", und ich durfte passieren.
Dieser Vorgang wiederholte sich allerdings bei jedem Teilnehmer. Offenbar hatte nicht ich ein Problem, sondern die clevere China-IT hatte an diesem Morgen beschlossen, ihre eigene kleine Andy-Tour zu veranstalten. Computer says eventually yes.
Dann standen wir endlich in der Verbotenen Stadt.
Und nach all den Kontrollen, Passvorzeigerunden, roten Lampen, Smartphone-Geklopfe und "Computer says eventually yes"-Momenten machten wir etwas, womit wir selbst nicht gerechnet hätten: Wir suchten Überwachungskameras.
Vergeblich.
In einem Land, in dem man am Flughafen das Gefühl hat, aus 37 Winkeln gleichzeitig gefilmt zu werden, wirkte die Verbotene Stadt innen erstaunlich kamerafrei. Zumindest sahen wir keine offensichtlichen Kameras. Vielleicht waren sie hervorragend versteckt. Vielleicht waren sie in den Drachenfiguren, Dachziegeln oder Steinschildkröten verbaut. Vielleicht hatten wir aber auch einfach keine Ahnung, wo man in einem kaiserlichen Holzpalast nach moderner Überwachungstechnik suchen muss.
Vermutlich gibt es deshalb vorher so viele Kontrollen. Wenn man schon nicht überall sichtbar Kameras montieren möchte, muss man eben vorher sicherstellen, dass sich keine suspekten Individuen in der Verbotenen Stadt zu einem verbotenen konspirativen Treffen zusammenfinden, heimlich Flugblätter verteilen und zwischen Halle der Höchsten Harmonie und kaiserlichem Garten einen Aufstand anzetteln.
So fühlte man sich drinnen fast unbeobachtet. Fast schon frei. Also natürlich nur in dem Rahmen, in dem man sich in China, umgeben von tausenden anderen Besuchern, Tourgruppen, Guides, Security-Personal und vermutlich mindestens einem sehr motivierten Rentner mit Teleobjektiv unbeobachtet fühlen kann. Denn selbst wenn keine Kamera sichtbar war: Tausende Augen anderer Besucher hätten uns trotzdem jederzeit im Blick haben können.
Die Verbotene Stadt ist eben auch ohne erkennbare Überwachungskameras kein Ort, an dem man spontan auf die Idee kommt, etwas besonders Dummes zu tun.
Und ihre Größe ist wirklich beeindruckend. Die Dimensionen, die Höfe, die Achsen, die Masse an Holzgebäuden - vieles davon ohne Nägel gebaut. Man steht dort und merkt sofort: Das ist nicht einfach ein Palastkomplex. Das ist Machtdemonstration in Architekturform. Ein Ort, der einem unmissverständlich sagt: Hier wurde nicht gekleckert, hier wurde imperial geklotzt.
Leider erklärte Andy, dass man keinen einzigen Raum betreten dürfe. In den Neunzigerjahren habe wohl einmal jemand in einem Raum seine Initialen ins Holz geschnitzt. Seitdem sei Schluss mit lustig. Vielen Dank auch an diesen historischen Vollpfosten, dessen romantischer Drang zur Selbstverewigung nun Generationen von Besuchern daran hindert, mehr als nur durch Fenster und Türen hineinzuschauen.
Den größten Teil der Zeit verbrachten wir im offiziellen Bereich der Verbotenen Stadt, also dort, wo der Kaiser seine Geschäfte führte. Der kleinere Teil, der Wohnbereich der Kaiserfamilie, wäre vermutlich der spannendere gewesen, wurde in der Tour aber nur kurz gestreift. Schade, denn ich finde meistens gerade die privaten Bereiche interessant. Wo wurde gelebt, gegessen, gestritten, gelangweilt, intrigiert? Aber dafür blieb wenig Zeit. Schließlich musste Andy ja noch sicherstellen, dass wir verstanden hatten, wann wir unseren Pass vorzeigen müssen und wann nicht. Also quasi immer.
Zwischendurch ging Rodrigo verloren.
Kurz war leichte Panik spürbar - zumindest bei Andy, der vermutlich weniger Sorge um Rodrigo selbst hatte als um den Receiver, den Rodrigo noch bei sich trug. Ohne Receiver keine vollständige Rückgabe, ohne Rückgabe vermutlich irgendeine unangenehme Inventarliste. Aber nach einer Weile tauchte Rodrigo plötzlich wieder in der Gruppe auf. Vielleicht hatte er zwischenzeitlich seiner Familie in Chile Teile der Verbotenen Stadt gezeigt, zu denen Andy uns nicht geführt hatte. Vielleicht war er auch nur auf der Toilette und hatte dort mit den Plumpsklos, also den klassischen Löchern im Boden, einen kleinen interkulturellen Endgegner bekämpft.
Die Tour endete schließlich in den kaiserlichen Gärten. Andy erklärte uns, er habe uns nun eine viereinhalbstündige Tour gegeben statt der gebuchten zweieinhalb Stunden. Und natürlich würde er sich jetzt sehr über eine 5-Sterne-Bewertung freuen.
Nicht später.
Nicht im Hotel.
Nicht irgendwann gemütlich bei einem Tee.
Nein.
Jetzt.
Und wir sollen ihn erwähnen - Andy - A - N - D - Y
Und er würde diese Bewertung auch gern abfotografieren, bevor wir sie absenden.
OMG.
Da verstand ich auch, warum er vermutlich nicht begeistert war, dass Rodrigo früher zur nächsten Tour weiter musste. Ein Teilnehmer weniger bedeutet eine potenzielle 5-Sterne-Bewertung weniger. Längere Touren als geplant sind eben nicht immer nur ein Geschenk an die Gäste, sondern offenbar auch eine Investition in die Bewertungsbilanz.
Ich spielte das Spiel mit, gab meine 5-Sterne-Review ab und hielt sie für seine Fotodokumentation vor sein Handy. Widerstand ist, so dachte ich mir, in China vermutlich nicht die beliebteste Freizeitbeschäftigung. Und wenn Andy Freude daran hat oder vielleicht tatsächlich sein Job davon abhängt, warum nicht. Es kostete mich nichts außer einem kleinen Stück innerer Autonomie, und davon hatte die Reise ohnehin schon einiges verbraucht.
Danach ging es mit knurrendem Magen weiter zum Jingshan Park. In weiser Voraussicht hatte ich wieder Ticket-QR-Codes über GetYourGuide besorgt, weil ich davon ausging, dass flysurfer den Ausblick ebenfalls genießen würde. Außerdem wollte ich nicht noch einmal vor Ort mit 2-CNY-Tickets, 24-Stunden-Regel, Passnummern und chinesischer Spontanitätsabwehr ringen. Man lernt ja dazu. Langsam, aber immerhin.
Also noch einmal rauf auf den Hügel.
Diesmal bei bestem Wetter und Tageslicht.
Und ja: Der Ausblick war wieder fantastisch. Die Verbotene Stadt lag vor uns wie ein riesiges architektonisches Schachbrett aus Dächern, Höfen und Geschichte. Am Vorabend war alles in Dämmerung getaucht gewesen, fast mystisch. Jetzt sah man die Anlage klar, groß, strukturiert und beeindruckend. Ein Moment, der die zusätzliche Treppenarbeit tatsächlich wert war - auch wenn meine Beine kurz anderer Meinung waren.
Als Belohnung wollten wir anschließend Peking-Ente essen gehen.
Nicht irgendwo.
Sondern dort, wo es angeblich die Benchmark-Peking-Ente geben soll: Siji Minfu - Peking Chamber.
Aber dazu mehr im nächsten Kapitel des Reiseberichts.