Meine oneworld emerald-Requalifizierungsreise nach Peking (mit Umwegen)

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f0zzyNUE

Erfahrenes Mitglied
08.03.2009
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WeChat geht mittlerweile als Ausländer problemlos?
Ich war vor Corona das letzte mal da und mit Kreditkarte wurde man da schon belächelte…
Ja, seit ein oder zwei Jahren kannst du deine ausländische Kreditkarte bei WeChat und AliPay hinterlegen.
Beitrag automatisch zusammengeführt:

Danke für den Bericht soweit. Habe mich schlapp gelacht und bin schon mal bisschen vorgewarnt (mir spuken als Reiseziele 2027 nämlich Kairo und Peking durch den Kopf ... 😰)
do it - it is fun. wer mag schon reisen wo alles wie am schnürchen funktioniert :)
 
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f0zzyNUE

Erfahrenes Mitglied
08.03.2009
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Tian'anmen-Platz und Verbotene Stadt
Oder: Frühstückssuppe, Passkontroll-Pingpong und Andy - A-N-D-Y

Zum Glück hatte ich den Wecker auf 07:30 Uhr gestellt. Ohne ihn hätte ich vermutlich tatsächlich verschlafen - was nach dem Vortag mit Daxing, U-Bahn-Lehrstunde, Jingshan Park, Shichahai, Street Food und Lady-Bar-Slalom auch niemandem ernsthaft hätte übelnehmen können. Mein Körper hatte inzwischen wohl eine offizielle Beschwerde beim Reiseleiter eingereicht. Problem: Der Reiseleiter war ich selbst. Schlechte Zuständigkeit.

flysurfer war bereits wach. Die Ergebnisse aus flysurfers Schlaflabor lagen offenbar schon vollständig ausgewertet vor und wurden mir in gähnender Form präsentiert. Vielen Dank für die Analyse. Tut mir leid für den verschleppten Schlaf. Ich hätte gerne Besserung gelobt, aber wir wollen ja im Reisebericht nicht plötzlich mit unrealistischem Optimismus anfangen.

Noch halb im Schlaf schlurfte ich Richtung Toilette - und erschrak wieder einmal halb zu Tode, als sich der Toilettendeckel mit Schwung und Krach öffnete, kaum dass ich mich dem Toilettenraum näherte. Dieses japanisch inspirierte Hightech-Monster hatte eindeutig ein Problem mit persönlicher Distanz. Man könnte meinen, es warte nur darauf, unschuldige Touristen aus dem Westen zu verschlingen. Immerhin war der Sitz vorgewärmt. Falls man also tatsächlich gefressen würde, dann wenigstens ohne kalten Popo. Kleine Dinge zählen.

Nach der üblichen Morgenroutine ging es hoch in die Lounge zum Frühstück. Und dort stand ich dann erst einmal vor einem Buffet, das mich intellektuell und emotional überforderte. Es gab praktisch alles: westliche Klassiker, asiatische Frühstücksoptionen, warme Gerichte, kalte Gerichte, Obst, Gebäck, Säfte - und natürlich chinesische Frühstücksfreuden wie Tee-Eier und tausendjährige Eier. Letztere sehen immer ein wenig aus, als hätte jemand ein normales Ei sehr lange beleidigt und dann trotzdem serviert.

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Zusätzlich gab es ein À-la-carte-Menü. In Asien mag ich morgens grundsätzlich Suppen, also fiel meine Wahl auf die Beef Noodle Soup. flysurfer bestellte sich die Chicken Noodle Soup. Um die Wartezeit zu überbrücken, schnappte ich mir eine Mini-Laugenbreze. Rein wissenschaftlich natürlich. Ich wollte testen, wie ein chinesischer Bäcker dieses süddeutsche Kulturgut interpretiert.

Und was soll ich sagen: Die war perfekt. Wirklich perfekt. Die hätte auch von meinem Bäcker um die Ecke kommen können. Ein kurzer Moment fränkischer Heimatgefühle im 22. Stock eines Hotels in Peking. Globalisierung kann manchmal sehr schön sein.

Nach ungefähr zehn Minuten wurde mir eine Suppe serviert. Ich schaute hinein und dachte:
Hmm. Seltsame Farbe für eine Beef Noodle Soup.

Aber gut, ich war kein Stammgast, die Zeitumstellung nagte noch an den Geschmacksknospen, und nach einer perfekten chinesischen Laugenbreze war mein kulinarisches Weltbild ohnehin kurz instabil. Also nahm ich an, das müsse schon passen. Die Suppe schmeckte nach Suppe, hatte Nudeln, etwas Pak Choi und war grundsätzlich essbar. Nur der Beef-Geschmack fehlte. Komplett. Vielleicht war es eine sehr spirituelle Beef Noodle Soup, bei der das Rind nur konzeptionell anwesend war.

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Ich löffelte sie brav aus.

Dann bekam flysurfer seine Chicken Soup - und die sah verdächtig aus wie eine Beef Noodle Soup.

Oje.

Offenbar hatte die freundliche Bedienung uns beide Langnasen verwechselt. Und dabei sehen wir uns nicht einmal ähnlich. flysurfer hat zumindest Haare am Kopf. Aber egal. Meine Suppe war bereits halb ausgelöffelt, und ich wollte am ersten Morgen nicht gleich wegen einer falsch zugestellten Nudelsuppe einen diplomatischen Zwischenfall auslösen. Wir waren ja noch zwei weitere Male da. Dann bestelle ich die Beef Noodle Soup eben morgen nochmal. Wird ja nicht mehrfach schiefgehen.

Ein Satz, der natürlich auch wieder gefährlich optimistisch war.

Gut gesättigt machten wir uns auf den Weg zum Tian'anmen-Platz, beziehungsweise zum Treffpunkt unserer Tour. Unser Guide hatte sich bereits gemeldet: Andy. Oder genauer gesagt: Andy - A-N-D-Y, wie er später noch mehrfach mit der Präzision eines Flughafen-Gate-Agents buchstabieren sollte.

Er hatte mir vorab schon eine WhatsApp mit weiteren Details geschickt. Dinge, die wir unbedingt beachten sollten: keine Drohnen, keine Selfie-Sticks über 1,3 Meter, keine traditionellen Klamotten und nichts, was auch nur annähernd an Japan erinnert. Null Problemo. Ich hatte ohnehin weder Kimono noch Drohne noch Samurai-Schwert im Tagesrucksack. Man reist ja leicht.

Bei geführten Touren ist fast immer jemand dabei, der besonders hervorsticht. Auch hier. Sein Name: Rodrigo aus Chile.

Rodrigo hatte eine Energie, die man nicht übersehen konnte. Redefreudig, präsent, gut gelaunt und mit einer sehr ausgeprägten Bereitschaft, die Führung nicht nur selbst zu erleben, sondern sie quasi live nach Südamerika zu übertragen. Er war wohl der Glückliche aus seiner Familie, der das Los gezogen hatte und nach Peking reisen durfte. Der Rest der Familie war dafür offenbar per FaceTime oder Videochat zugeschaltet. Während gefühlt der gesamten Führung hörte Rodrigo weniger Andy zu, sondern kommentierte, filmte, schwenkte und sendete live nach Chile.

Man muss ihm lassen: Er hatte Spaß. Viel Spaß sogar. Besonders enttäuscht war er nur, dass man das Mao-Mausoleum nicht besuchen konnte. Aber selbst das konnte seine Stimmung nicht nachhaltig trüben. Rodrigo blieb in Erinnerung. Allein schon deshalb, weil er der einzige Mensch war, den wir in China sahen, der tatsächlich mit Cash bezahlte - wenn auch nur eine Flasche Wasser an einem Kiosk. In einem Land, in dem selbst Straßenstände eher QR-Codes als Wechselgeld zu haben scheinen, wirkte das fast rebellisch.

Unser Reiseführer Andy war dagegen die Blaupause eines chinesischen Tourguides. Klar, strukturiert, laut genug, immer leicht befehlsartig und mit einem bemerkenswerten Talent, wichtige Hinweise so oft zu wiederholen, bis selbst der letzte Depp verstand, was gemeint war. Also auch wir.

Vermutlich hieß er gar nicht Andy. Wahrscheinlich war das Pseudonym für westliche Touristen einfach leichter zu merken und auszusprechen als irgendein schöner chinesischer Name, den wir nach drei Minuten ohnehin brutal verstümmelt hätten. Also Andy. A-N-D-Y. Sicher ist sicher.

Glücklicherweise mussten wir uns nicht in Zweierreihen aufstellen wie die chinesische Reisegruppe neben uns. Ein kleiner Sieg der individuellen westlichen Restwürde.

Bevor es losgehen konnte, musste Andy noch ein Gruppenfoto machen. Vermutlich als Nachweis, dass er alle angemeldeten Teilnehmer tatsächlich mit seiner Führung beglückt hatte. Also aufstellen, lächeln, durchzählen, "Cheeeese" - und schon war das Foto im Kasten beziehungsweise auf seinem chinesischen Handy.

Dass aus einer angemeldeten Zweiergruppe nur ein Teilnehmer erschienen war, weil der andere spontan arbeiten musste, gefiel Andy allerdings gar nicht. Er hinterfragte das mehrfach. Sicher ist sicher. Nicht, dass ihm dadurch eine Kommission, ein Formular, ein Bonuspunkt oder ein Stück bürokratischer Seelenfrieden flöten ging. Aber gut: Sein Problem, nicht meins.

Dann ging es los.

Wir liefen Richtung Tian'anmen-Platz. Nicht ohne dass Andy mehrfach erwähnte, wie klug wir doch gewesen seien, seine Tour zu buchen. Als Einzeltouristen würden wir sonst bis zu zwei Stunden anstehen, bevor wir überhaupt auf den Platz kämen. Dazu deutete er jedes Mal auf lange Schlangen. Und ja, vermutlich hatte er recht. Aber nach dem ersten Hinweis hatte ich das Konzept bereits verstanden. Nach dem dritten Hinweis fühlte es sich langsam an wie ein Verkaufsargument, das sich selbst nicht loslassen konnte.

Ein weiterer Vorteil seiner Tour sei, dass wir den Reisepass nur einmal vorzeigen müssten. Andere müssten das viermal tun. Das klang vernünftig. Effizient. Fast schon luxuriös.

Und schwupps standen wir bei der ersten Kontrolle.

Metalldetektor. Taschen durchleuchten. Security. Und dann natürlich: Reisepass herauskramen und vorzeigen.

Gut. Einmal. Genau wie versprochen.

Denkste.

Immerhin wurden wir von Security-Mitarbeiterinnen kontrolliert, deren Blick irgendwo zwischen professionell und charmant lag. Ein bisschen Flughafen, ein bisschen Flirt, ein bisschen "bitte trotzdem keine verbotenen Gegenstände dabeihaben". China versteht es, auch Sicherheitskontrollen leicht surreal zu inszenieren.

Auf dem Platz erzählte Andy dann über die Geschichte des Tian'anmen-Platzes, die angrenzenden Gebäude und warum die Verbotene Stadt überhaupt Verbotene Stadt heißt. Wir bekamen ein paar Minuten freie Zeit für Fotos, sollten uns danach aber wieder am Fahnenmast treffen.

Dort erwähnte Andy, dass er auch professioneller Fotograf sei und nun von jeder angemeldeten Gruppe ein Foto machen werde. Gleichzeitig betonte er, dass er leider keine Einzelfotos machen könne, weil wir sonst Zeit verlieren würden. Verständlich. Zweieinhalb Stunden sind für dieses riesige Areal ohnehin nicht gerade großzügig bemessen - wobei wir später lernen sollten, dass Zeitangaben bei Andy eher als kreative Empfehlung zu verstehen waren.

tinanmen.png

Nebenbei gab es auch noch etwas Bildungsfernsehen in Echtzeit. Beijing bedeutet "Nördliche Hauptstadt", und heute wird international meist diese Schreibweise verwendet. Früher war im Westen "Peking" geläufiger. Peking Duck heißt aber nach wie vor Peking Duck, weil man sie mit der imperialen Zeit und der Kaiserfamilie verbindet. Außerdem merkte ich mir endlich ein paar Himmelsrichtungen auf Chinesisch, weil sie ständig in Ortsnamen auftauchen: bei für Norden, dong für Osten, nan für Süden und xi für Westen.

Sehr praktisch. Ich war also seit knapp 24 Stunden in China und konnte bereits Himmelsrichtungen, eine Fahrkarte falsch scannen und eine Suppe falsch zugeordnet bekommen. Fortschritt.

Nach der Fotosession am Fahnenmast ging es durch eine Unterführung zum Südtor der Verbotenen Stadt. Darüber hängt das berühmte Mao-Bild. Andy erklärte, dass dieses Bild jedes Jahr ausgetauscht wird, damit es immer makellos aussieht. Eine Art politisches Porträt-Abo mit Wartungsvertrag.

Dann kam eine weitere wichtige Information: Wenn man einmal durch das Tor gelaufen ist, gibt es keinen Weg zurück.

Diese Information bekamen wir mindestens fünfmal. Vielleicht sechsmal. Möglicherweise achtmal. Jedenfalls oft genug, dass ich kurz überlegte, ob hinter dem Tor nicht die Verbotene Stadt, sondern ein sehr großer chinesischer IKEA ohne Ausgang liegt.

An dieser Stelle mussten nun Tickets besorgt werden. Dafür sammelte Andy die Reisepässe der Last-Minute-Teilnehmer ein, also auch unsere. Er brauchte außerdem noch einen Freiwilligen, der mit zur Ticketausgabe kommt. Ich meldete mich sofort. Nicht aus besonderem Pflichtbewusstsein, sondern weil ich meinen Reisepass ungern aus den Augen verliere. Man weiß ja nie. Ohne Geldtasche unterwegs zu sein ist schon abenteuerlich genug; ohne Pass in China wäre dann wirklich das nächste Level gewesen.

Am Ticketschalter musste ich ein Formular unterschreiben und wurde danach wieder entlassen. Vielleicht habe ich auch meine Seele verkauft. Ich konnte es nicht sicher sagen. Aber soweit vertraute ich Andy dann doch, dass er damit keinen größeren Unfug treiben würde. Kurz darauf kam er mit dem Stapel Reisepässe zurück, und es ging weiter zur Ticketkontrolle.

Dort mussten wir Ticket und Reisepass vorzeigen.

Also zum dritten Mal.

So viel zu "bei mir müsst ihr den Reisepass nur einmal hervorholen". Vielleicht meinte er: einmal pro Teilabschnitt, pro Kontrollpunkt, pro kosmischer Einheit. Wer weiß.

Ganz reibungslos lief die Kontrolle allerdings nicht. Nach dem Scannen meines Reisepasses und Abfotografieren meiner Visage blinkte eine rote Lampe auf. Exakt dieses Gefühl kennt man vom Flughafen-Gate, wenn plötzlich "Boarding denied" erscheint und man kurz überlegt, ob man sein Leben noch einmal neu sortieren muss.

Die Aufseherin klopfte wild auf ihrem Smartphone herum, immer meinen Reisepass und das Ticket im Blick. Ich stand daneben und versuchte, möglichst harmlos auszusehen. Irgendwann sagte der Computer dann doch "OK", und ich durfte passieren.

Dieser Vorgang wiederholte sich allerdings bei jedem Teilnehmer. Offenbar hatte nicht ich ein Problem, sondern die clevere China-IT hatte an diesem Morgen beschlossen, ihre eigene kleine Andy-Tour zu veranstalten. Computer says eventually yes.

Dann standen wir endlich in der Verbotenen Stadt.

Und nach all den Kontrollen, Passvorzeigerunden, roten Lampen, Smartphone-Geklopfe und "Computer says eventually yes"-Momenten machten wir etwas, womit wir selbst nicht gerechnet hätten: Wir suchten Überwachungskameras.

Vergeblich.

In einem Land, in dem man am Flughafen das Gefühl hat, aus 37 Winkeln gleichzeitig gefilmt zu werden, wirkte die Verbotene Stadt innen erstaunlich kamerafrei. Zumindest sahen wir keine offensichtlichen Kameras. Vielleicht waren sie hervorragend versteckt. Vielleicht waren sie in den Drachenfiguren, Dachziegeln oder Steinschildkröten verbaut. Vielleicht hatten wir aber auch einfach keine Ahnung, wo man in einem kaiserlichen Holzpalast nach moderner Überwachungstechnik suchen muss.

Vermutlich gibt es deshalb vorher so viele Kontrollen. Wenn man schon nicht überall sichtbar Kameras montieren möchte, muss man eben vorher sicherstellen, dass sich keine suspekten Individuen in der Verbotenen Stadt zu einem verbotenen konspirativen Treffen zusammenfinden, heimlich Flugblätter verteilen und zwischen Halle der Höchsten Harmonie und kaiserlichem Garten einen Aufstand anzetteln.

So fühlte man sich drinnen fast unbeobachtet. Fast schon frei. Also natürlich nur in dem Rahmen, in dem man sich in China, umgeben von tausenden anderen Besuchern, Tourgruppen, Guides, Security-Personal und vermutlich mindestens einem sehr motivierten Rentner mit Teleobjektiv unbeobachtet fühlen kann. Denn selbst wenn keine Kamera sichtbar war: Tausende Augen anderer Besucher hätten uns trotzdem jederzeit im Blick haben können.

Die Verbotene Stadt ist eben auch ohne erkennbare Überwachungskameras kein Ort, an dem man spontan auf die Idee kommt, etwas besonders Dummes zu tun.

Und ihre Größe ist wirklich beeindruckend. Die Dimensionen, die Höfe, die Achsen, die Masse an Holzgebäuden - vieles davon ohne Nägel gebaut. Man steht dort und merkt sofort: Das ist nicht einfach ein Palastkomplex. Das ist Machtdemonstration in Architekturform. Ein Ort, der einem unmissverständlich sagt: Hier wurde nicht gekleckert, hier wurde imperial geklotzt.

Leider erklärte Andy, dass man keinen einzigen Raum betreten dürfe. In den Neunzigerjahren habe wohl einmal jemand in einem Raum seine Initialen ins Holz geschnitzt. Seitdem sei Schluss mit lustig. Vielen Dank auch an diesen historischen Vollpfosten, dessen romantischer Drang zur Selbstverewigung nun Generationen von Besuchern daran hindert, mehr als nur durch Fenster und Türen hineinzuschauen.

Den größten Teil der Zeit verbrachten wir im offiziellen Bereich der Verbotenen Stadt, also dort, wo der Kaiser seine Geschäfte führte. Der kleinere Teil, der Wohnbereich der Kaiserfamilie, wäre vermutlich der spannendere gewesen, wurde in der Tour aber nur kurz gestreift. Schade, denn ich finde meistens gerade die privaten Bereiche interessant. Wo wurde gelebt, gegessen, gestritten, gelangweilt, intrigiert? Aber dafür blieb wenig Zeit. Schließlich musste Andy ja noch sicherstellen, dass wir verstanden hatten, wann wir unseren Pass vorzeigen müssen und wann nicht. Also quasi immer.

verbotenestadt.png

Zwischendurch ging Rodrigo verloren.

Kurz war leichte Panik spürbar - zumindest bei Andy, der vermutlich weniger Sorge um Rodrigo selbst hatte als um den Receiver, den Rodrigo noch bei sich trug. Ohne Receiver keine vollständige Rückgabe, ohne Rückgabe vermutlich irgendeine unangenehme Inventarliste. Aber nach einer Weile tauchte Rodrigo plötzlich wieder in der Gruppe auf. Vielleicht hatte er zwischenzeitlich seiner Familie in Chile Teile der Verbotenen Stadt gezeigt, zu denen Andy uns nicht geführt hatte. Vielleicht war er auch nur auf der Toilette und hatte dort mit den Plumpsklos, also den klassischen Löchern im Boden, einen kleinen interkulturellen Endgegner bekämpft.

Die Tour endete schließlich in den kaiserlichen Gärten. Andy erklärte uns, er habe uns nun eine viereinhalbstündige Tour gegeben statt der gebuchten zweieinhalb Stunden. Und natürlich würde er sich jetzt sehr über eine 5-Sterne-Bewertung freuen.

Nicht später.
Nicht im Hotel.
Nicht irgendwann gemütlich bei einem Tee.

Nein.
Jetzt.

Und wir sollen ihn erwähnen - Andy - A - N - D - Y

Und er würde diese Bewertung auch gern abfotografieren, bevor wir sie absenden.

OMG.

Da verstand ich auch, warum er vermutlich nicht begeistert war, dass Rodrigo früher zur nächsten Tour weiter musste. Ein Teilnehmer weniger bedeutet eine potenzielle 5-Sterne-Bewertung weniger. Längere Touren als geplant sind eben nicht immer nur ein Geschenk an die Gäste, sondern offenbar auch eine Investition in die Bewertungsbilanz.

Ich spielte das Spiel mit, gab meine 5-Sterne-Review ab und hielt sie für seine Fotodokumentation vor sein Handy. Widerstand ist, so dachte ich mir, in China vermutlich nicht die beliebteste Freizeitbeschäftigung. Und wenn Andy Freude daran hat oder vielleicht tatsächlich sein Job davon abhängt, warum nicht. Es kostete mich nichts außer einem kleinen Stück innerer Autonomie, und davon hatte die Reise ohnehin schon einiges verbraucht.

Danach ging es mit knurrendem Magen weiter zum Jingshan Park. In weiser Voraussicht hatte ich wieder Ticket-QR-Codes über GetYourGuide besorgt, weil ich davon ausging, dass flysurfer den Ausblick ebenfalls genießen würde. Außerdem wollte ich nicht noch einmal vor Ort mit 2-CNY-Tickets, 24-Stunden-Regel, Passnummern und chinesischer Spontanitätsabwehr ringen. Man lernt ja dazu. Langsam, aber immerhin.

Also noch einmal rauf auf den Hügel.

Diesmal bei bestem Wetter und Tageslicht.

Und ja: Der Ausblick war wieder fantastisch. Die Verbotene Stadt lag vor uns wie ein riesiges architektonisches Schachbrett aus Dächern, Höfen und Geschichte. Am Vorabend war alles in Dämmerung getaucht gewesen, fast mystisch. Jetzt sah man die Anlage klar, groß, strukturiert und beeindruckend. Ein Moment, der die zusätzliche Treppenarbeit tatsächlich wert war - auch wenn meine Beine kurz anderer Meinung waren.

jingshan2.png
Als Belohnung wollten wir anschließend Peking-Ente essen gehen.

Nicht irgendwo.

Sondern dort, wo es angeblich die Benchmark-Peking-Ente geben soll: Siji Minfu - Peking Chamber.

Aber dazu mehr im nächsten Kapitel des Reiseberichts.
 
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Peking-Ente bei Siji Minfu
Oder: Der Benchmark-Vogel, der chinesische Ententanz und warum ChatGPT jetzt auch Tischsitten erklärt

Peking-Ente ist eines meiner Lieblingsgerichte. Ich habe sie vor knapp 20 Jahren zum ersten Mal in Taipeh gegessen, als ich einen Freund besucht habe, der dort Mandarin studierte. Mit einer Gruppe deutscher Studenten verdrückten wir damals mindestens drei ganze Enten, die direkt am Tisch tranchiert wurden. Es war ein kulinarisches Highlight. Einer dieser Momente, bei denen man später nicht mehr genau weiß, was die Reise sonst noch beinhaltete - aber an die Ente erinnert man sich.

Leider gibt es Peking-Ente in Deutschland nur selten, und wenn, dann meistens nur mit mehrtägiger Vorbestellung. Als würde man nicht einfach ein Gericht bestellen, sondern eine standesamtliche Trauung mit Geflügel arrangieren. Mein Traum war daher schon lange, einmal eine originale Peking-Ente zu essen - traditionell zubereitet, idealerweise in Peking selbst.

Und voilà: Hier war ich.
Der Traum zum Greifen nah.
Der Vogel praktisch in Sichtweite.
Die Erwartungshaltung gefährlich hoch.

Schon im Vorfeld hatte ich recherchiert, wo man die Ente möglichst originalgetreu essen sollte. Die Wahl fiel auf Siji Minfu / Peking Chamber, eine Kette in Peking, die sich unter anderem auf Peking-Ente spezialisiert hat und offenbar so etwas wie eine Benchmark-Ente serviert. Das ist natürlich gefährlich. Wer "Benchmark" hört, erwartet keine gute Ente mehr, sondern eine lebensverändernde Federvieh-Erleuchtung.

flysurfer war allerdings skeptisch. Nach unserer gerade erst erlebten Andy-Tour, bei der 5-Sterne-Bewertungen nicht etwa still und freiwillig im Hotelzimmer entstanden, sondern direkt vor Ort unter liebevoller Aufsicht eingefordert und fotografisch dokumentiert wurden, hatte er gewisse Zweifel an der Authentizität chinesischer Online-Bewertungen entwickelt. Verständlich. Wenn einem ein Tourguide nach viereinhalb Stunden freundlich, aber bestimmt erklärt, dass jetzt bitte sofort eine 5-Sterne-Review abzugeben sei, beginnt man das Wort "Benchmark" etwas britischer zu lesen. Also mit hochgezogener Augenbraue und innerem "Really?".

Ich hielt dagegen. Erstens ging es hier um Ente. Zweitens um Peking-Ente. Drittens um Peking-Ente in Peking. Und viertens hatte ich Hunger. Damit war die Beweislage aus meiner Sicht eindeutig genug.

In der Nähe des Jingshan Parks gab es zwei Peking-Chamber-Lokale in fußläufiger Entfernung. Die Location direkt an der Verbotenen Stadt wollte ich meiden, weil ich befürchtete, dass es dort etwas zu touristisch sein könnte. Also nahmen wir die andere Filiale ins Visier, etwa 30 Minuten entfernt. Nach Verbotener Stadt, Jingshan-Hügel und diversen Treppen war ein kleiner Spaziergang genau das, was unsere Beine vermutlich nicht bestellt hatten.

flysurfer, seines Zeichens Peking-Enten-Newbie, war sich noch nicht ganz bewusst, was für ein kulinarisches Ziel ich da ausgesucht hatte - oder er hielt meine Benchmark-Argumentation weiterhin für eine möglicherweise marketinggetriebene Fantasie mit knuspriger Haut. Immer wenn wir an einem Lokal vorbeikamen, in dessen Fenster eine Ente hing, meinte er: "Guck mal, hier gibt's deine Ente."

Sehr nett. Aber nein.

Das war nicht die Ente.
Nicht die Benchmark-Ente.
Nicht der heilige Gral in knuspriger Haut.
Weitergehen.

Ich hatte schließlich recherchiert. Und zwar nicht nur irgendeine Recherche, sondern Vielflieger-mit-Statusrun-Energie-Recherche. Da lässt man sich nicht von der erstbesten Fenster-Ente ablenken.

Hatte ich eigentlich schon erwähnt, wie grün Peking ist? Viele Bäume, viele Alleen, viele Grünflächen, Blumen auf Verkehrsinseln und Straßen ohne Löcher. Straßen ohne Löcher! Nach deutscher Infrastruktur wirkt das fast provozierend. Man läuft durch Peking und denkt: "Moment, warum kann eine Millionenstadt Verkehrsinseln bepflanzen und Straßen instand halten, während bei uns manche Schlaglöcher schon eigene Postleitzahlen beantragen könnten?"

Wir näherten uns dem Ziel. Auf AMap hieß das Lokal Siji Minfu, aber an der Stelle, an der der Pin gesetzt war, sahen wir kein Lokal mit diesem Namen. Wir schlenderten in eine Seitengasse und entdeckten hinter Fenstern einen Saal voller Menschen, die Peking-Ente aßen, sowie Köche, die Peking-Ente tranchierten. Also waren wir offensichtlich nah dran. Sehr nah sogar. Nur ein Eingang war nicht zu finden.

Eine wunderbare Situation: Man sieht das Paradies, riecht vermutlich schon die Ente, aber steht draußen wie ein hungriger Praktikant ohne Zugangskarte.

Also zurück zur Hauptstraße und weiter den Eingang gesucht. Einer erschien uns sympathisch. War aber komplett falsch. Dort schickte man uns eine Tür weiter nach links, und dort war dann tatsächlich Peking Chamber. Der Name passte zwar nicht exakt zu dem, was AMap angezeigt hatte, aber kaum betraten wir den Vorraum, sahen wir Fotos von Enten und wussten: Wir sind richtig. Namen sind Schall und Rauch. Entscheidend ist, ob irgendwo knusprige Haut auf einem Teller liegt.

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Wir bekamen eine Nummer und sollten um die Ecke warten. Prognostizierte Wartezeit: ungefähr 35 Minuten.

Ich warte grundsätzlich ungern. Sehr ungern. Warten ist eine jener Tätigkeiten, die ich nur unter Protest ausübe. Aber für eine Peking-Ente macht man Ausnahmen. Für manche Dinge steht man an. Für andere Dinge bucht man Fast Track. Für Peking-Ente stellt man sich dem Schicksal.

Wir fanden einen Warteplatz genau gegenüber der Holzöfen, in denen die Enten ihr letztes Finish erhielten. Und das war allein schon ein Spektakel. Im Minutentakt wurden Enten aus dem Ofen gezogen und auf Platten angerichtet. Goldbraun, glänzend, knusprig, würdevoll. Ein Enten-Laufsteg. Paris Fashion Week, aber mit besserem Duft.


So verging die Wartezeit erstaunlich schnell. Wer braucht schon Entertainment, wenn man 35 Minuten lang dabei zusehen kann, wie zukünftiges Glück aus einem Holzofen gezogen wird?

Dann wurden wir aufgerufen.

Die Karte war erstaunlich umfangreich. Es gab diverse Gerichte, nicht nur Peking-Ente. Sehr schön für Menschen mit Entscheidungsfreude. Wir hingegen wussten genau, warum wir hier waren. Keine Experimente, keine Nebenschauplätze, keine kulinarische Ablenkung. Eine ganze Ente mit Pfannkuchen und Condiments, bitte. Der Hauptdarsteller soll auftreten.

Auf der Karte entdeckten wir außerdem eine Karaffe Plum Soup. Das sah auf den Fotos sehr ansprechend aus, also bestellten wir auch das - praktisch als Ein-Liter-Pitcher. Ein gewisses Risiko war vorhanden. Wenn es gut schmeckt: großartig. Wenn nicht: ein Liter Plörre am Tisch. Aber wer ohne Geldtasche nach China reist und sich durch WeChat, Fingerprint-Automaten und Lady-Bar-Ansprachen gekämpft hat, wird vor Pflaumensuppe nicht kneifen.

Beim Umsehen fiel mir auf, dass viele andere Gäste ihre Getränke selbst mitgebracht hatten. Eistee im Becher, Limo aus der Flasche, Bier aus der Dose. Offenbar ist es in Peking nicht ungewöhnlich, Getränke ins Restaurant mitzubringen. Eine spätere Internetrecherche bestätigte das. Sehr praktisch. Sehr entspannt. In Deutschland würde vermutlich sofort jemand mit Korkgeld, Hausordnung und leidendem Blick aus der Küche kommen.

Nach und nach wurde unser Tisch bestückt. Zuerst kamen die Condiments. Ich kannte von früher eigentlich nur Hoisin-Sauce, Lauch und Gurke. Der Teller offenbarte jedoch eine ganze kleine Landschaft an Zutaten, von denen ich einige nicht eindeutig zuordnen konnte.

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Also wurde ChatGPT angeworfen. Foto gemacht, analysieren lassen, kulinarisches Grundstudium eröffnet.

Rechts oben: Hoisin-Sauce. Daneben: Knoblauchpaste und Kristallzucker. Darunter: Frühlingszwiebeln und Pflaumensauce. Unten: eingelegter Rettich, eingelegter Ingwer und Gurke. Die Gurke erkannte ich immerhin selbst. Man muss seine Erfolge feiern, auch die kleinen.

Besonders spannend war der Kristallzucker. Der gehört offenbar zur klassischen Peking-Enten-Darreichung: Die ersten Stücke Entenhaut werden blank in Zucker gedippt und pur gegessen. Wieder etwas gelernt. KI sei Dank. Früher hätte man verschämt auf die Nachbartische gestarrt und versucht, die lokalen Essgewohnheiten heimlich zu kopieren. Heute fotografiert man einfach den Teller und lässt sich von einer Maschine erklären, wie man nicht wie ein kompletter Barbar wirkt.

Dann kamen die Stäbchen. Für jeden zwei Paar.

Verwirrung.

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Warum zwei Paar Stäbchen? Wieder ChatGPT gefragt. Antwort: Ein Paar ist zum Servieren, mit dem man Essen von gemeinschaftlich genutzten Platten nimmt. Das andere Paar ist zum Essen. Aha. In meiner bisherigen Welt drehte man bei Gemeinschaftstellern die eigenen Stäbchen einfach um. Aber wir waren hier offenbar in einem besseren Lokal mit edlen Stäbchen und Schwanen-Stäbchenhalter. Da wird nicht improvisiert, da wird getrennt. Theoretisch jedenfalls.

Meine Sorge war sofort, dass ich diese Trennung der Stäbchenpaare nicht dauerhaft im Griff haben würde. Eine Sorge, die sich als berechtigt herausstellen sollte. Ich bin schon froh, wenn ich mit einem Paar Stäbchen halbwegs würdevoll agiere. Zwei Paar bringen eine operative Komplexität mit sich, die eher nach Flugverkehrskontrolle klingt.

Unklar blieb zudem, welches Paar nun das Servierpaar und welches das Esspaar war. ChatGPT war hier nicht sonderlich hilfreich, und auch die umliegenden Gäste boten kein klares Muster. Jeder schien es irgendwie anders zu machen. Unsere Schlussfolgerung: Vermutlich ist es egal, solange man nicht mitten im Essen komplett die Kontrolle über die Stäbchenethik verliert. Also praktisch genau mein Risikoprofil.

Als Nächstes kamen drei Mystery-Schalen, mit denen ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Eine mit Litschis, eine mit eingelegtem Rettich und eine mit würzigen Sojabohnen.

Hä?

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War das Vorspeise? Nachspeise? Beilage? Deko? Ein chinesischer Intelligenztest für überforderte Enten-Touristen?

Also wieder die KI befragt. Die Antwort war beruhigend und lehrreich: Die Litschis dienen als frische Frucht zum Naschen, zur Gaumenerfrischung und als süßer Kontrast. Der weiße Rettich hilft traditionell bei der Verdauung fettreicher Speisen und passt daher wunderbar zur Ente. Die Sojabohnen sind ein klassischer Snack, ähnlich wie bei uns Salzstangen oder Nüsse.

Ah ja. So lernt man chinesische Tischetikette: erst dumm dasitzen, überrascht werden und dann ChatGPT die kulinarische VHS übernehmen lassen.

Die Litschis waren supersüß und erfrischend, der Rettich herzhaft-süß, und die Edamame leicht würzig. Alles sehr gut. Alles sehr nett. Aber natürlich stellte sich die zentrale Frage:

Wo bleibt unsere Ente?

Just in diesem Moment kam ein Koch mit der Entenplatte, hielt sie uns für den Bruchteil einer Sekunde unter die Nase und verschwand wieder um die Ecke.

Okay.

Ich dachte, er würde sie jetzt am Tisch tranchieren. Darauf hatte ich gewartet. Dieses feierliche Ritual, Messer, Brett, Ente, Präzision, vielleicht ein kleiner Moment innerer Ergriffenheit.

Stattdessen: kurzer Enten-Teaser und Abgang.

Kurz darauf kam die Bedienung und stellte einen Teller mit fein geschnittener Entenhaut und Entenfleisch auf den Tellerwärmer. Wenig später kam ein zweiter Teller, vermutlich die andere Entenhälfte, und ein kleiner Teller mit zwei Keulen und dem geteilten Kopf, wie sich später herausstellte.

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Und dann tauchte der Koch noch einmal auf. Wieder mit Platte und Entenkarkasse. Wieder nur für den Bruchteil einer Sekunde. Wieder verschwand er um die Ecke.

Ich nenne das den chinesischen Ententanz.

Die Ente erscheint.
Die Ente verschwindet.
Die Ente wird zerlegt.
Die Ente kehrt kurz als Beweisstück zurück.
Der Tourist ist verwirrt, aber hungrig.

Zum Schluss kam noch ein Teller mit reiner Entenhaut und dem Hinweis, diese mit Zucker zu essen. Jetzt wurde es ernst.

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Die Plum Soup schmeckte übrigens sehr erfrischend. Süß-sauer, leicht rauchig, ein bisschen wie Club Mate ohne Kohlensäure, nur eleganter und mit mehr kaiserlicher Aura. Eine spätere Recherche ergab, dass Plum Soup wohl ein sehr altes Rezept ist, das auch für den Kaiser und seine Gefolgschaft zubereitet wurde. Das passte natürlich hervorragend. Nach der Verbotenen Stadt am Vormittag nun kaiserliches Pflaumengetränk zur Benchmark-Ente. Man muss sich auch mal angemessen durch den Tag dekadieren.

Und dann die Ente.

Die Ente war himmlisch.

Wirklich himmlisch.

Die Haut knusprig, das Fleisch saftig, die Aromen perfekt. Ich weiß jetzt ehrlich gesagt nicht, wo ich jemals wieder Peking-Ente essen soll, nachdem ich diese Benchmark-Ente hatte. Das ist das Problem mit kulinarischen Höhepunkten: Sie ruinieren einem zuverlässig die Zukunft. Wer einmal sehr gute Peking-Ente in Peking gegessen hat, schaut deutsche "Peking-Ente nur auf Vorbestellung"-Angebote künftig vermutlich an wie ein Brite einen Mikrowellen-Tee.

Damit war auch flysurfers anfängliche Skepsis weitgehend erledigt. Ob die Bewertungen nun alle völlig organisch, halb organisch oder Andy-approved zustande gekommen waren, spielte in diesem Moment keine Rolle mehr. Diese Ente brauchte keine 5-Sterne-Erpressung. Die hätte man freiwillig bewertet. Sofort. Notfalls sogar vor den Augen eines Kellners mit Fotobeweis.

Die Pancakes wurden mit unterschiedlichsten Kombinationen aus Sauce, Frühlingszwiebel, Gurke, Rettich, Ingwer, Haut und Fleisch belegt. Hoisin hier, Pflaumensauce dort, mal mit Knoblauch, mal ohne, mal klassisch, mal experimentell. Ein kleines Entenlabor am Tisch.

Die Teller mit Fleisch und Haut waren am Ende komplett leer. Das macht man in China wohl eher nicht, weil ein leerer Teller andeuten könnte, dass man noch hungrig ist. Aber ganz ehrlich: Wir wollten kein Stück dieses leckeren Gerichts übrig lassen. Bezahlt ist bezahlt. Außerdem wäre es moralisch fragwürdig gewesen, diese Ente nicht vollständig zu ehren.

Aus Anstandsgründen ließen wir immerhin zwei Litschis und ein paar Edamame zurück. Ein diplomatischer Kompromiss. Der chinesischen Höflichkeit wurde symbolisch Genüge getan, die Ente aber restlos vernichtet. So stelle ich mir gelungene internationale Beziehungen vor.

Am Ende waren wir pappsatt. Also nicht "angenehm gesättigt", sondern eher "bitte keine Treppen, keine Touren und keine weiteren kulinarischen Impulse"-satt.

Benchmark bestätigt.
Flysurfer überzeugt.
Ente vernichtet.

Bezahlt wurde direkt per QR-Code am Tisch, ohne dass noch einmal ein Kellner involviert war. Sehr effizient. Sehr China. Kein Warten auf die Rechnung, kein "could we have the bill please", kein Blickkontakt-Ballett mit Servicepersonal. Einfach scannen, zahlen, fertig. Für jemanden ohne Geldtasche war das natürlich weiterhin ein faszinierender Mix aus Erleichterung und Abhängigkeit vom funktionierenden digitalen Ökosystem.

Die Gesamtrechnung lag bei gerade einmal 44€ für uns beide.

Krass.

Für eine ganze Peking-Ente, Beilagen, Plum Soup und dieses gesamte kleine kulinarische Theaterstück. In Deutschland hätte man dafür vermutlich gerade einmal die Anzahlung für den Enten-Termin in vier Tagen geleistet.

Hier käme ich definitiv öfter essen, wenn die Anreise nicht so leicht unpraktisch wäre.

Wohlgenährt riefen wir ein DiDi und ließen uns zurück zum Hotel karren. Dort legte flysurfer sein chinesisches Mittagsschlaf-Jetlag-Routinchen ein, während ich mich selbstverständlich zum Afternoon Tea in die Lounge begab.

Just kidding.

Mein nächstes Ziel war der Swimming Pool im 5. Stock.

Irgendwann muss selbst der ambitionierteste Vielflieger zwischen Ente, Lounge und Statusmeilen kurz so tun, als würde er etwas für die Gesundheit machen.
 

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Japandi

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06.04.2014
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BRN
Wo habt ihr schon excellente Peking-Ente gegessen? (nicht notwendigerweise in Peking) - vielleicht mach ich einen Peking-Enten-Thread auf analog zum Pizza und Egg-Benedict Thread.
Gleiche Kette, nur andere Location und Beilagen. Und ich kann mich dir zu 100% anschliessen - das war himmlisch!

Wer einmal alleine in Peking ist und Sorge hat, dass eine ganze Ente zu viel wäre: DIe Kette ist bekannt dafür, dass sie auch (als eine der wenigen!) halbe Enten servieren. Da die Ente trotzdem frisch zerlegt wird, muss man etwas warten, bis sich ein anderer Gast mit dem gleichen Wunsch findet - mir hatte man etwas von "40 Minuten" gesagt, am Ende waren es knapp 10. Inklusive dem beschriebenen Ritual mit "Ente für eine Makrosekunde vorzeigen".
Rückblickend hätte ich aber auch die ganze Ente alleine verdrücken können, und dafür weniger Beilagen. Grandios!

Übrigens liest man Horrorgeschichten von mehreren Stunden Wartezeit - das gilt wohl aber nur für die Filialen an den Touri-Hotspots. Ich war nochmal etwas weiter ausserhalb wie ihr, an einem Sonntag Nachmittag, und musste gar nicht warten.
 

Lohausen

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29.07.2010
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BER
Vor vielleicht 25 Jahren beim Bahnhofs-Chinesen in Brannenburg. War aber irgendwie etwas anders, viele kleine Gänge.
Ohne jetzt schon komplett in einen Enten-Thread abdriften zu wollen: ich habe in Peking auch schon das Enten-Erlebnis der etwas anderen Art gehabt. Peking-Ente in 15 Gängen, von den leider nur einer die schöne, saftige Brust mit krosser Haut war. Ansonsten so ziemlich alles andere von der Ente in unterschiedlicher Darreichungsform: Herz, Leber, Lunge, Magen und als letzter Gang der komplette Kopf in Brühe. Wie gut, dass ich jetzt auch endlich weiß, wie lang eine Entenzunge ist, und dass Entenfüße genau so zäh sind, wie man sie ich vorstellt.

On-Topic: ich freue mich auf die Fortsetzung des tollen Berichtes.
 
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f0zzyNUE

Erfahrenes Mitglied
08.03.2009
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Wellness, Great-Wall-Planung und Hutong bei Nacht
Oder: Warum man mit zunehmendem Alter nicht mehr jede Sehenswürdigkeit niederkämpfen muss

Der Besuch im Schwimmbad war genau das, was der Körper nach Peking-Ente, Verbotener Stadt, Jingshan-Hügel und mehreren Kilometern touristischer Selbstüberschätzung gebraucht hatte: erfrischend, ruhig und erholsam.

Ein paar Bahnen schwimmen, danach ein paar Minuten im Whirlpool sitzen und einfach die Seele baumeln lassen. Herrlich. Früher wäre das für mich undenkbar gewesen. Nachmittags ins Hotel zurück? Während draußen eine Millionenstadt wartet? Niemals. Da hätte ich Sehenswürdigkeit um Sehenswürdigkeit abgeklappert, bis entweder der Stadtplan oder mein Kreislauf aufgegeben hätte.

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Aber in der Ruhe liegt die Kraft. Diese Erkenntnis kommt offenbar erst im fortgeschrittenen Alter. Früher war das Mindset: "Ich muss alles sehen, sonst war die Reise nicht vollständig." Heute eher: "Mir läuft nichts davon. Wenn ich diesmal nicht alles sehe, komme ich eben wieder. Wozu ist man denn Vielflieger?"

Eine ausgesprochen gesunde Form von Selbstbetrug, aber sie funktioniert.

Nach etwa einer Stunde im Wellnessbereich ging es kurz zurück aufs Zimmer, um nach flysurfer zu schauen. Der hatte nach der Benchmark-Ente sein chinesisches Mittagsschlaf-Jetlag-Routinchen eingelegt und war vermutlich gerade dabei, Körper, Geist und Verdauung wieder in Einklang zu bringen.

Anschließend ging es direkt weiter in die Lounge zur Happy Hour. Nicht, dass ich großen Hunger verspürt hätte. Nach einer ganzen Peking-Ente wäre das auch medizinisch bedenklich gewesen. Aber der Gedanke war: Wenn man schon Loungezugang hat, sollte man ihn auch nutzen. Außerdem wollte ich fotografisch dokumentieren, was das Hotel abends so an Köstlichkeiten auffährt. Rein journalistisch natürlich. Wie immer.

Und das war eine ganze Menge. Nicht nur in der Alkohol-Sektion, wobei diese selbstverständlich ebenfalls pflichtbewusst zur Kenntnis genommen wurde. Die Lounge im InterContinental Beijing Sanlitun wusste wirklich, wie man Gäste füttert, die eigentlich längst satt sind, aber moralisch nicht in der Lage, ein Buffet unbeachtet zu lassen.

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Den Rest des Nachmittags und frühen Abends verbrachten wir im Zimmer mit der Recherche und Buchung einer Tour zur Chinesischen Mauer für den nächsten Tag. Und wer glaubt, ein paar Mauer-Touren zu vergleichen sei eine kurze, sachliche Angelegenheit, hat offenbar noch nie versucht, in China aus 8.000 nahezu identischen Angeboten das richtige herauszufiltern.

Die schiere Anzahl an Touren war unüberschaubar. Manche mit Guide, manche ohne Guide, manche mit englischsprachigem Fahrer, manche mit Mittagessen, manche mit Seilbahn, manche ohne, manche nach Mutianyu, manche nach Badaling, manche in Gruppen, manche privat, manche "luxury", manche "no shopping", was im Umkehrschluss natürlich sofort die Frage aufwirft, bei welchen Angeboten man unfreiwillig in eine Jadewerkstatt entführt wird.

Und wenn man dann endlich etwas Passendes gefunden hatte, war die Tour für den nächsten Tag natürlich nicht mehr verfügbar. Reiseplanung ist manchmal wie Dating: vielversprechendes Profil, gute Bewertungen, passt eigentlich perfekt - und dann leider keine Verfügbarkeit.

Letztlich wurde ich aber doch fündig. Ich recherchierte den günstigsten Anbieter, der einen englischsprachigen Fahrer nach Mutianyu bereitstellte: Abholung am Hotel, Fahrt zur Mauer, Rückfahrt zum Hotel, Eintritt inklusive. Extras wie Seilbahn und Sommerrodelbahn waren nicht enthalten. Preis: 69€ pro Person. Das fand ich fair. Andere Anbieter wollten bis zu 150€ pro Person. Für denselben Mauerbesuch, vermutlich mit etwas mehr Marketing-Prosa und einem Fahrer, der ebenfalls "hello" sagen kann. Wichtig war mir - kein weiterer A-N-D-Y Reiseführer.

Ich hoffte nur, dass wir nicht in irgendeiner Schrottkarre gefahren werden würden. Diese Sorge war im Nachhinein ziemlich unbegründet, denn alte Autos hatten wir in Peking praktisch nicht gesehen. Aber man weiß ja nie, aus welcher Tiefgarage für Touristen plötzlich ein Fahrzeug auftaucht. Vielleicht gibt es irgendwo noch einen Van mit dem Motto: "Historisches Fahrgefühl ist auch eine Erfahrung wert."

Als ich schließlich den Laptop zuklappte, war es draußen schon dunkel. Der Plan für den Abend: durch ein, zwei Hutongs ziehen und flysurfer den schönen See vom Vorabend zeigen. Also bestellten wir ein DiDi und fuhren zum Wudaoying Hutong, von wo aus wir in etwa 35 Minuten zu Fuß zum Houhai-See gelangen sollten.

Die Wudaoying-Gasse stellte sich allerdings als abendlich ziemlich verlassen und menschenleer heraus. Einerseits gut: kaum Touristen. Eigentlich gar keine außer uns. Andererseits wäre eine etwas lebhaftere Straße auch nicht unangenehm gewesen. Man ist ja nicht empfindlich, aber wenn eine Gasse nachts in Peking so ruhig ist, dass man seine eigenen Gedanken hören kann, fragt man sich kurz, ob das atmosphärisch oder einfach geschlossen ist.

Never mind. Die geschlossenen Shops waren schön beleuchtet, flysurfer schoss viele Fotos, und ich knipste mit dem iPhone ebenfalls ein bisschen herum. Wenn schon keine Menschen da sind, müssen eben Schaufenster und Lampions für Stimmung sorgen. Man nimmt, was man bekommt.

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Auf dem anschließenden Spaziergang nach Shichahai liefen wir durch weitere Hutongs, diesmal vor allem Wohngebiete. Auffallend war, dass gefühlt alle drei Häuser eine öffentliche Toilette kam. Das brachte uns zu der Annahme, dass viele der traditionellen Häuser in den Hutongs möglicherweise gar nicht über eigene sanitäre Anlagen verfügen und die Bewohner deshalb öffentliche WCs nutzen müssen.

Später recherchierten wir das - und lagen goldrichtig. In vielen traditionellen Pekinger Hutongs gibt es so viele öffentliche Toiletten, weil die alten Innenhofhäuser, die Siheyuan, oft nicht an das moderne Abwassernetz angeschlossen sind und keine eigenen Badezimmer haben. Öffentliche Toiletten sind dort seit Jahrzehnten die kommunale Lebensader. Klingt im ersten Moment für westliche Ohren ungewöhnlich, ist aber in diesem historischen Wohnkontext offenbar ganz normal.

Vielleicht hätten wir mal reinschauen sollen. Rein aus kulturellem Interesse natürlich. Ich habe schon diverse Fotos chinesischer Toiletten gesehen, die früher teilweise komplett ohne Privatsphäre auskamen - fast wie römische Latrinen, bei denen das tägliche Geschäft weniger private Angelegenheit als gesellschaftliches Networking war. "Na, auch hier? Wie läuft's geschäftlich?"
Im Rahmen der chinesischen Toilettenrevolution - ja, die gab es wirklich - wurde das vermutlich vielerorts verbessert. Trotzdem war meine Neugier nicht groß genug, um eine spontane Feldstudie zu starten. Man muss nicht jede kulturelle Erfahrung persönlich vertiefen.

Kurz vor unserem Ziel kamen wir noch am Glockenturm und Trommelturm vorbei. Beide liegen auf der berühmten Pekinger Nord-Süd-Achse, genau wie die Verbotene Stadt, der Jingshan-Park, der Tian'anmen-Platz mit Mao-Mausoleum und weiter südlich das Yongdingmen-Tor. Nachts waren die Türme ein tolles Fotomotiv. Mächtig, ruhig beleuchtet und deutlich würdevoller als mein Zustand nach Ente, Whirlpool und Hutong-Marsch.

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Leider waren wir für Houhai etwas spät dran. Der Shopping-Hutong war noch geöffnet, und ich gönnte mir ein Men Ding Rou Bing, also einen Peking Meat Pie. Natürlich nur, um die lokale Küche weiterhin gewissenhaft zu erforschen. Dass ich objektiv betrachtet seit 24 Stunden nahezu durchgehend gegessen hatte, ist in solchen Momenten nicht hilfreich und wird daher ignoriert.

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Am See selbst waren viele Beleuchtungen schon ausgeschaltet, und die meisten Street-Food-Stände hatten bereits geschlossen. Schade, denn ich hatte flysurfer ja das lebendige, bunt beleuchtete Spektakel vom Vorabend zeigen wollen. Stattdessen bekam er eher die Spätvorstellung: gleiche Kulisse, weniger Licht, weniger Essen, mehr Restbetrieb.

In die andere Richtung waren immerhin noch Bars und Restaurants geöffnet. Jede Bar hatte offenbar ihre eigene Live-Band. Manche klangen sogar gut. Andere Sänger trafen ihre Töne eher so, wie man in Peking Buslinien trifft: mit Glück, Umwegen und gelegentlichen Überraschungen. Es hatte durchaus Charme, aber auch eine gewisse akustische Abenteuerlichkeit.

Leider gab es auch hier wieder den bekannten Lady-Bar-Spießrutenlauf. Kaum waren wir unterwegs, kamen erneut die einschlägigen Ansprachen. "Lady Bar, nice ladies", vermutlich ergänzt durch die üblichen Bier-Angebote, als wäre ein lauwarmes Getränk der entscheidende Grund, spontan sämtliche Lebensentscheidungen zu überdenken.

Das nervte dann doch. Nach einem langen Tag voller Kultur, Essen, Mauerplanung, Hutong-Spaziergang und Stadtromantik hat man einfach keine Lust, alle zehn Meter freundlich, aber bestimmt abzuwinken. Also ergriffen wir relativ schnell die Flucht und fuhren zurück ins Hotel.

Damit endete unser erster voller Tag in Peking. Und was für einer.

Tian'anmen-Platz, Verbotene Stadt, Andy A-N-D-Y, Rodrigo live nach Chile, Jingshan Park, Benchmark-Peking-Ente, Whirlpool, Lounge, Great-Wall-Planung, Hutongs, öffentliche Toiletten als urbanes Kulturerbe, Glocken- und Trommelturm, Houhai bei Nacht und zum Abschluss ein kleiner Lady-Bar-Slalom.

Erschöpft, satt und voller Eindrücke fielen wir schließlich ins Hotel zurück.

Und während draußen Beijing weiterleuchtete, träumten wir von den nächsten Abenteuern im Northern Capital.
 

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f0zzyNUE

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08.03.2009
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Bei Siji Minfu kriegt man eigentlich den Rest der Ente in Brühe... das lässt man dann (nach einigen schlürfen der Suppe) stehen und begeht so keine Fauxpas mit dem übriglassen.
Dann waren wir also zu schnell mit qr-code Bezahlen und Verdünnisieren ;) - Nächstes mal weiss ich bescheid. Danke für den Hinweis.
 

travelben

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09.03.2009
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MUC
Sensationeller Bericht! DANKE!

Und zum Thema Peking Ente: Bei meinen 5 Besuchen in Peking, hatte ich IMMER eine Peking Ente. Absolutes Muss!

Und nur in Singapore habe ich mal eine gehabt, die annähernd so gut war.
 
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mueller

Reguläres Mitglied
Peking-Ente bei Siji Minfu
Oder: Der Benchmark-Vogel, der chinesische Ententanz und warum ChatGPT jetzt auch Tischsitten erklärt

Peking-Ente ist eines meiner Lieblingsgerichte. I
Schon im Vorfeld hatte ich recherchiert, wo man die Ente möglichst originalgetreu essen sollte. Die Wahl fiel auf Siji Minfu / Peking Chamber, eine Kette in Peking, die sich unter anderem auf Peking-Ente spezialisiert hat und offenbar so etwas wie eine Benchmark-Ente serviert. Das ist natürlich gefährlich. Wer "Benchmark" hört, erwartet keine gute Ente mehr, sondern eine lebensverändernde Federvieh-Erleuchtung.
Dieser Enten-Thread ist ganz großes Kino. Eigentlich hatte ich China nicht auf meiner Bucketlist der nächsten Ziele, aber einmal Peking-Ente in Peking lockt dann doch verdächtig ...
Danke für die Eindrücke - toll und lebendig geschrieben!
 

f0zzyNUE

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08.03.2009
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Tag 3: Weltwunder, Warteschlangen und Badehauben
oder: Warum chinesische Toiletten aggressiv, Sessellifte sportlich und Subway keine Option sind

"f0ZZYNUE! Sollen wir nicht mal aufstehen?" wurde ich unsanft von flysurfer geweckt. Tatsächlich hatte ich vergessen, den Wecker zu stellen, und ein Blick aufs Handy offenbarte die erschreckende Wahrheit: 07:45 Uhr. Die fest verschlossenen Vorhänge hatten meiner inneren Uhr erfolgreich weiterhin Nacht vorgegaukelt. Wobei - nach deutschem Zeitgefühl und meinem persönlichen Biorhythmus war es ohnehin noch mitten in der Nacht. Und ich hatte geglaubt, diesmal ohne Jetlag davonzukommen.

Die Morgenroutine musste also etwas beschleunigt werden, denn auf ein gemütliches Frühstück wollte ich trotzdem nicht verzichten. Während flysurfer unter der Dusche verschwand, widmete ich mich dem ersten Tagesordnungspunkt auf der Toilette. Diese begrüßte mich bei Annäherung wie gewohnt mit ihrem lauten automatischen Öffnungs-Knall. Kurz darauf wurde meine schlimmste Vorahnung Realität. Mitten während des Geschäfts beschloss das japanische Hightech-WC plötzlich, den Deckel zu schließen - offenbar in der Annahme, seine Arbeit sei bereits erledigt. Entschlossen klappte ich den Sitzdeckel wieder nach oben. Die Toilette zeigte sich davon jedoch völlig unbeeindruckt und startete zwei weitere Schließversuche. Erst danach akzeptierte sie widerwillig, dass der Benutzer noch nicht fertig war. Japanische Ingenieurskunst ist offenbar auch nicht mehr das, was sie einmal war.

Nächster Programmpunkt: Frühstück in der Lounge. Heute sollte es endlich meine Beef Noodle Soup werden - und nicht schon wieder die Variante mit Geflügelbrühe. Direkt beim Betreten der Lounge platzierte ich meine Bestellung. flysurfer verzichtete auf die À-la-carte-Karte und begab sich stattdessen ans Buffet, um möglichst viele Geschmacksknospen gleichzeitig zu aktivieren. Während der Wartezeit gönnte ich mir erneut eine dieser erstaunlich leckeren chinesischen Brezen mit Butter. Nach und nach füllte sich die Lounge. Gäste kamen nach uns, bestellten ebenfalls À-la-carte-Gerichte und wurden bereits aus der Küche versorgt. Nur meine Beef Noodle Soup ließ weiterhin auf sich warten.

Irgendwann dämmerte uns die naheliegende Erklärung: Die hatten meine Bestellung schlicht vergessen. Also fragten wir freundlich nach. Die Antwort kam begleitet von einem mehrfachen "Sorry Sir, sorry Sir" und bestätigte unseren Verdacht. Die Uhr tickte derweil unerbittlich weiter. Schließlich kocht sich so eine Suppe nicht von selbst. Gerade als wir beschlossen hatten aufzubrechen, um rechtzeitig zum Tour-Pickup in der Lobby zu erscheinen, geschah das Unfassbare: Ein Teller Suppe erschien. Und siehe da - diesmal war es sogar tatsächlich die bestellte Beef Noodle Soup. Zwei Löffel probierte ich aus Höflichkeit. Mehr Zeit blieb leider nicht. Der Rest musste zurückbleiben. Also doch kein ausgedehntes Suppenfrühstück für f0ZZYNUE.

In der Hotellobby angekommen stellte sich zunächst die Frage: Wie erkennen wir eigentlich unseren Fahrer? Wie sich herausstellte, hatten wir das wieder einmal viel zu kompliziert gedacht, denn wir wurden gefunden. Ein Mann kam direkt auf mich zu und fragte, ob ich Herr f0ZZYNUE sei. Nach meiner Bestätigung stellte er sich als unser Fahrer vor.

"Sam."

Einfach nur Sam. Nicht Samuel. Nicht Sam S-A-M. Einfach Sam. Sofort sympathisch.

Die nächste spannende Frage lautete: Welche Klapperkiste würde uns heute erwarten? Zu meiner Überraschung führte uns Sam nicht zu einem altersschwachen Minivan mit fragwürdiger Federung, sondern zu einem nagelneuen weißen Tesla. Cool. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.

Sam erklärte, die Fahrzeit würde heute etwa eine Stunde und dreizehn Minuten betragen. Passt. Der Versuch, etwas Smalltalk zu führen, scheiterte allerdings recht schnell. Seine Englischkenntnisse beschränkten sich verständlicherweise hauptsächlich auf das Vokabular rund um seine Chauffeur-Tätigkeit. Aber genau deshalb hatten wir die Tour ja bewusst ohne Guide gebucht. Also lehnten wir uns entspannt zurück und beobachteten, wie die Wolkenkratzer Pekings langsam hinter uns verschwanden.

Es ging hinaus aus Peking. Richtung Norden.

Vorbei an modernen Hochhäusern, aber auch an den typischen sozialistischen Satellitenstädten. Die Autobahnen fühlten sich teilweise an wie in Los Angeles: fünf Fahrspuren pro Richtung, wilde Autobahnkreuze, kilometerlange Stelzenkonstruktionen und überall Grünanlagen. Selbst zwischen den Fahrbahnen wuchsen Blumenbeete. Irgendwie wirkte alles erstaunlich gepflegt. Nach etwa 45 Minuten hatten wir das Ballungszentrum hinter uns gelassen. Die Landschaft wurde ländlicher, gemütlicher und deutlich ruhiger. Lange Landstraßen führten durch kleine Orte, gesäumt von roten Lampions. Am Straßenrand reihten sich Obst- und Gemüsestände aneinander. Auch hier war alles geschniegelt und gestriegelt. Man fragt sich unweigerlich: Ist ganz China so gepflegt? Oder nur die Strecke, auf der die Touristen zur Chinesischen Mauer gefahren werden?

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Die Zeit verging wie im Flug. Während die meisten Fahrzeuge auf einen riesigen Parkplatz gelotst wurden, durfte unser Tesla eine Schranke passieren und sich über eine schmale, steile Straße weiter den Berg hinaufschlängeln. Vorbei an kleinen Dörfern bis zum endgültigen Endpunkt für Autos. Die Individualtouristen mussten vom Großparkplatz aus erst noch den Shuttlebus zur Talstation nehmen. VIP-Service für f0ZZYNUE und flysurfer. Man bekommt was geboten für 138€

Sam begleitete uns bis zur Talstation, besorgte die Tickets für die Bergfahrt und die Sommerrodelbahn für den Rückweg. Anschließend gab er uns noch einen kulinarischen Geheimtipp. Falls wir nach der Rückkehr Hunger hätten, sollten wir unbedingt dort essen. Dabei deutete er auf einen Subway. Ich bin bis heute unsicher, ob er das ernst meinte, uns westlichen Touristen einen Gefallen tun wollte oder ob sein Bruder die Filiale gepachtet hatte. Wie auch immer: Nein. Für ein Sandwich bei Subway fahre ich nicht anderthalb Stunden aus Peking hinaus und fliege auch nicht um die halbe Welt.

Anschließend erklärte Sam anhand einer Karte die geplante Route. Von der Bergstation bis zur Sommerrodelbahn sollten es rund fünf Kilometer sein. Zwei bis drei Stunden würden locker reichen. Klang machbar.

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Dann ging es zur Bergfahrt. Die Passkontrolle war schnell erledigt, nachdem die Dame den QR-Code sehen wollte, den Sam mir zuvor per WeChat geschickt hatte.

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Danach wurde uns schlagartig klar, warum sämtliche Reiseführer empfehlen, möglichst früh anzureisen. Die Schlange sah zunächst harmlos aus. Dann bog sie um eine Ecke. Dahinter wartete die nächste Schlange. Und dahinter die nächste. Und noch eine. Freizeitpark-Veteranen kennen dieses Prinzip.

Irgendwann konnte ich durch eine Lücke in den Gebäuden einen Sessellift erkennen. Moment mal. Wir hatten doch die Seilbahn gebucht. flysurfer blieb entspannt. "Alles gut. Da oben wird sich das sicher aufteilen." Pfeifendeckel. Die komplette Schlange führte ausschließlich zum Sessellift. Die Talstation der Seilbahn lag ein paar weitere Höhenmeter die Straße hinauf. Offenbar hatte Sam keine Lust mehr gehabt, mit uns den Berg hochzulaufen. Aber egal. Hauptsache hoch zur Mauer.

Meine einzige Sorge war ohnehin die Hitze. Der Himmel war wolkenlos, die Sonne brannte und das Thermometer zeigte 29 Grad. Immerhin hatte ich vorgesorgt und meinen Kopf großzügig mit Sonnencreme eingeschmiert. flysurfer hatte eine Baseballkappe dabei. Auch clever. Vor allem für Fotografen.

Die Fahrt mit dem Sessellift führte über grüne Wälder hinweg. Unter uns schlängelte sich die Sommerrodelbahn den Berg hinab und immer wieder hörte man begeistertes Kreischen. Das würde bestimmt lustig werden. Oben angekommen folgte sofort die erste Herausforderung. Der Sessellift entsprach offensichtlich chinesischen und nicht europäischen Sicherheitsvorstellungen. Die Sessel verlangsamten sich beim Ausstieg exakt gar nicht. Man musste zügig abspringen und sofort zur Seite hechten, wenn man nicht vom nachfolgenden Sessel umgenietet werden wollte. Beinahe hätte er mich erwischt.

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Direkt unter der Ausstiegsstelle rief eine Dame energisch "Smile!" und machte ein Foto. Keine zehn Sekunden später wurden wir ebenso energisch darauf hingewiesen, dass wir dieses Foto selbstverständlich auch kaufen könnten. Und dann passierte es: Ich ließ mich überrumpeln. Immerhin kostete das Erinnerungsstück keine Disney-Preise, sondern lediglich rund fünf Euro. Kann man verschmerzen.

Und dann standen wir tatsächlich dort. Auf der Chinesischen Mauer. Einem der modernen sieben Weltwunder. Und ja - sie ist beeindruckend. Der Blick entlang der Mauer in beide Richtungen, wie sie sich über Berge und Hügel auf und ab schlängelt, ist schlicht spektakulär. Erfreulicherweise waren die Treppen deutlich niedriger, als ich es erwartet hatte. Dadurch ließ sich die Mauer wesentlich angenehmer begehen, als die Fotos vermuten lassen. Nur an zwei besonders steilen Abschnitten begann ich leicht zu schnaufen. Also ganz leicht.

Apropos Hitze. Von wegen pralle Sonne. Große Bäume entlang der Mauer spendeten überraschend viel Schatten. Auch die Wachtürme waren angenehm kühl. Dazu lief entlang der Strecke atmosphärische chinesische Dudelmusik aus versteckten Lautsprechern. Und in regelmäßigen Abständen entdeckte man Überwachungskameras. Die störten zwar ein wenig die mittelalterliche Atmosphäre auf den Fotos, aber gut - auch Big Brother möchte offenbar dokumentieren, wer hier unterwegs ist.

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Nach etwa einer Stunde kehrten wir um. Voller Vorfreude auf die Sommerrodelbahn. Daraus wurde allerdings nichts. Die Warteschlange war derart lang, dass wir vermutlich ein bis zwei Stunden hätten warten müssen. So groß konnte die Vorfreude dann doch nicht werden. Also entschieden wir uns einstimmig für den Sessellift.

Unten angekommen waren wir inzwischen Experten für chinesische Sessellift-Ausstiege und sprangen routiniert zur Seite. Anschließend gönnten wir uns zwei Getränke und informierten Sam. Seine erste Frage:

"Subway?"

Nein. Waren wir nicht. Er schien damit leben zu können und kündigte an, in fünf Minuten am Treffpunkt zu sein.

Während wir warteten, machte flysurfer noch Bekanntschaft mit einer asiatischen Squat-Toilette, die nicht einmal Toilettenpapier bereithielt. Tja. Vielleicht erklärt das auch, warum in manchen Kulturen die linke Hand nicht unbedingt zum Händeschütteln verwendet wird.

Die Rückfahrt dauerte wegen des Verkehrs etwas länger, aber Sam brachte uns sicher zurück zum InterContinental. Nicht ohne vorher dezent darauf hinzuweisen, dass er sich über eine positive Bewertung freuen würde und ich ihm bitte vor dem Absenden einen Screenshot schicken möge. Da war sie wieder: die chinesische Fünf-Sterne-Taktik. Allerdings deutlich entspannter als in manch anderem Fall. Sam wollte immerhin nicht neben mir stehen und die Bewertung live überwachen.

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Eine halbe Stunde später meldete sich zusätzlich noch die Reiseagentur. Ob uns der Ausflug gefallen habe. Und übrigens: Über eine gute Bewertung würde man sich sehr freuen. Doppelt nachgefragt hält offenbar besser.

flysurfer zog sich anschließend aufs Zimmer zurück, um seinen Jetlag mit einem ausgedehnten Nachmittagsschlaf therapeutisch zu behandeln. Ich hingegen marschierte noch einmal ins Schwimmbad. Dort ließ man mich zunächst drei Bahnen schwimmen, bevor man mir äußerst subtil mitteilte, dass Badehaubenpflicht herrsche. Die Subtilität bestand darin, mich an den Beckenrand zu winken und mir wortlos eine Badekappe in die Hand zu drücken.

Nun gut. Angesichts meiner überschaubaren Haarpracht erschien mir die Regel zwar etwas akademisch, aber Regel ist Regel. Und Widerstand ist in China ohnehin zwecklos. Also wechselte ich von meiner fleischfarbenen Natur-Badekappe auf eine weiße Decathlon-Gummikappe und fügte mich meinem Schicksal.